Aroser Fortbildungskurs 1999
Aus der Praxis - Für die Praxis, 25. bis 27. März 1999

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Freitag, 26. März 1999
15.00-16.15 Uhr

Mehrzweckhalle beim Schulhaus



Adipositas
Wo stehen wir in der Medizin heute?
R. Imoberdorf



Einleitung
Die Adipositas stellt eines der grössten Gesundheitsprobleme unserer Zeit dar. Hypertonie, Hypertriglyceridämie, Diabetes mellitus Typ 11 und Adipositas sind unter dem Bild des metabolischen Syndroms verantwortlich für Herzinfarkte und cerebrale Insulte. Die Adipositas ist auch assoziiert mit degenerativen Gelenkerkrankungen, Atem- und Schlafstörungen sowie mit dem Auftreten verschiedener Karzinome. Damit hat die Adipositas weitreichende gesundheitliche und sozio-ökonomische Auswirkungen und man spricht deshalb nicht zu Unrecht von der Epidemie des Dritten Jahrtausends.
Epidemiologie
Die Zahl der Übergewichtigen nimmt stetig zu, obwohl die Kalorienaufnahme geringer ist als noch vor 20 Jahren. Dieser scheinbare paradoxe Zustand ist darin begründet, dass in der gleichen Zeitspanne der Energieverbrauch mehr abnahm als die Zufuhr. Nur ein kleiner Teil der Bevölkerung leistet heute noch körperliche Schwerstarbeit, und auch in der Freizeit halten sich physische Aktivitäten in Grenzen. In verschiedenen Erhebungen korreliert die Prävalenz der Adipositas denn auch enger mit Messparametern der Inaktivität wie Besitz von Autos und Fernsehen als mit der Fett- und totalen Kalorienzufuhr. Trotzdem ist der Fett- bzw. Kalorienverzehr bezogen auf den Bedarf zu hoch. Dies führt dazu, dass in der Schweiz 1.75 Millionen Menschen übergewichtig sind (Body Mass Index [BMI] zwischen 25 und 30 k g/M2). Weitere 350'000 sind adipös (BMI zwischen 30 und 40 kg/m 2) und etwa 35'000 Schweizerinnen und Schweizer leiden an einer morbiden Adipositas (BMI > 40 kg/m 2). Die Adipositas verursacht in diesem Land jährliche Kosten von rund 3.8 Milliarden Franken, was 8% der gesamten Gesundheitskosten entspricht.
Genetische Faktoren
Letztendlich ist die Adipositas ein Bilanzproblem: wer mehr zu sich nimmt als er verbraucht, nimmt unweigerlich zu. Damit war für die öffentliche Meinung und die Wissenschaft jahrzehntelang klar, dass der Übergewichtige selbst an seinem Leiden schuld sei. Die Forschungsergebnisse der Molekularbiologie konnten in den letzten Jahren die genetische Disposition für Adipositas demonstrieren. Dick-Sein wurde nun verschiedentlich als etwas "Schicksalhaftes" angesehen. Wie so oft, liegt die Wahrheit irgendwo in der Mitte. Zusammenfassend kann man sagen, dass es sich um eine vererbte Prädisposition handelt, auf eine fettreiche Ernährung mit Übergewicht zu reagieren, vor allem wenn sich eine reichliche Nahrungsversorgung mit einer mangelnden körperlichen Aktivität verbindet.
Therapie

Alle Experten sind sich heute einig, dass Adipositas eine chronische Krankheit ist. Sie betrifft alle Altersgruppen. Die Behandlung ist langwierig, möglicherweise sogar lebenslang notwendig und die Interventionen müssen auf verschiedenen Ebenen gleichzeitig einsetzen. Unzählige Diäten (z.B. Null-Diät, Banting, Donaldson, Sieben-Tage-Körner-Kur, Rohsäftekur, Hollywood-Diät etc. etc.) brachten leider nicht die erhofften langfristigen Gewichtsabnahmen. Auch der medikamentösen Fettsuchttherapie sind klare Grenzen gesetzt. Schwerwiegende Nebenwirkungen, wie primär pulmonal arterielle Hypertonie (Dexfenfluramine), oder Valvulopathien (Fenfluramine-Phentermine) führten zum Rückzug von Dexfenflurainine im Herbst 1997. Auch die neueren Lipase-Hemmer (Orlistat) sollten nur zusammen mit einer fettreduzierten Ernährung verabreicht werden. Schliesslich ist die bariatrische Chirurgie "nur" bei morbider Adipositas und strenger Indikationsstellung zulässig und die Langzeitresultate noch nicht endgültig beurteilbar. Auch die Resultate der Molekularbiologie haben zur Zeit mehr Erkenntniswert als praktischen Nutzen gebracht. Trotzdem schüren die unbestrittenen Erfolge der Genetik erneut die Hoffnung; nach dem Medikament, das die Adipositas heilen wird. Viele solcher Pfeile sind in den Köchern der Industrie (z.B. Neuropeptid Y-Antagonisten, Leptin, Leptin-Rezeptor-Agonisten, Uncoupling Protein-Agonisten). Es ist allerdings nicht anzunehmen, dass sich das Problem Adipositas auf eine alleinige Pharmakotherapie reduzieren lässt.

Die wichtigsten Elemente einer erfolgreichen Adipositastherapie sind nach wie vor: Reduktion der Fettzufuhr, Steigerung der körperlichen Aktivität und ein flexibles Verhaltensmanagement. Jeder einzelne muss lernen sich umzustellen. Dies ist allerdings nur möglich, wenn die "Epidemie Adipositas" nicht nur auf dem individuellen Level betrachtet wird. Vielmehr müssen Behörden, Medien und die Nahrungsmittelindustrie gemeinsam versuchen, das Umfeld so zu modifizieren, dass es der Gewichtszunahme weniger förderlich ist (z.B. viel weniger fettreiche Angebote in Supermärkten). Damit würde ein bisher total vernachlässigter Bereich erst richtig effizient: nämlich die Prävention. Nach einer Studie von Whitaker und Mitarbeiter haben übergewichtige Kinder im Alter von 3 bis 9 Jahren eine extrem hohe Wahrscheinlichkeit, im Adoleszentenalter adipös zu werden, wenn mindestens ein Elternteil übergewichtig ist. Damit sind Kinder in dieser Altersgruppe möglicherweise ideale Kandidaten für präventive Massnahmen. Da der Hausarzt im Längsverlauf mehrere Generationen einer Familie überblickt, kommt ihm in diesem Konzept eine enorm grosse Bedeutung zu. Adipositas verhindern - dies ist die Herausforderung für das nächste Jahrtausend!

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