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Interferon-beta bei Multipler Sklerose

B. Holzer
Manuskript durchgesehen von H.P. Ackermann, L. Kappos und N. Löffel

(pharma-kritik Jahrgang 18, Nr.1)
Diese Nummer wurde am 28. August 1996 redaktionell abgeschlossen.


Interferon-beta bei Multipler Sklerose | Die Interferone | Interferon-beta 1b | Interferon-beta 1a | Beurteilung

Interferon-beta-1b
Betaferon® ist bisher das einzige Interferon-beta-Präparat, das in der Schweiz und in vielen anderen Ländern zur Behandlung der MS zugelassen ist.
Über seine Kinetik ist bisher wenig bekannt, da es im Blut schwierig nachzuweisen ist. Gemäss einer Studie kann es bei einem Teil der behandelten Personen noch 12 bis 36 Stunden nach Injektion von 8 Mio. IE nachgewiesen werden. Maximale Plasmakonzentrationen werden 8 bis 24 Stunden nach Injektion erreicht. 48 Stunden nach Injektion sind die Plasmaspiegel auf das Niveau vor der Injektion gesunken.8 Man nimmt an, Interferon-beta-1b werde hauptsächlich in der Leber metabolisiert.9

Klinische Studie
Mit Interferon-beta-1b wurde eine grosse, Placebo-kontrollierte Multizenterstudie in den USA und in Kanada durchgeführt, die primär auf zwei Jahre angelegt war. Von 372 gehfähigen Patienten mit schubförmig verlaufender MS («relapsing-remitting») wurden bei Studienbeginn 123 mit Placebo, 125 mit 1,6 Mio. IE und 124 mit 8 Mio. IE Interferon-beta-1b behandelt. Das Medikament wurde in der genannten Dosis alle zwei Tage von den Patienten selbst injiziert. Innerhalb der ersten zwei Jahre waren bei den mit der höheren Dosis Behandelten die MS-Schübe signifikant (um etwa ein Drittel) weniger häufig. Die Häufigkeit von schweren Schüben wurde sogar um 50% reduziert.10 Nach zwei Jahren erhielten die noch in der Studie verbliebenen Patienten die Option, die Studie blind weiterzuführen. Am Ende der Studie (fünf Jahre nach Aufnahme der ersten Patienten) liess sich zwar zeigen, dass die mit 8 Mio. IE Behandelten auch später ungefähr um ein Viertel weniger MS-Schübe hatten als die Patienten der anderen Gruppen. Dieser Unterschied war aber in den späteren Jahren nicht mehr statistisch signifikant.11
Eine eindeutige Beeinflussung der bleibenden neurologischen Symptomatik wurde nicht erreicht: die mittels einer speziellen Skala («Kurtzke Expanded Disability Status Scale») erfassten Symptome zeigten weder in der Zweijahres- noch in der Fünfjahresbeurteilung einen signifikanten Unterschied zwischen den Gruppen. Gemäss den Schlussresultaten kam es aber immerhin nur bei 35% der mit 8 Mio. IE Behandelten zu einer spürbaren Verschlechterung (in der Placebogruppe: 46%).11
Bei den meisten Patienten wurde jedes Jahr, bei einer kleinen Gruppe (n=52) sogar alle sechs Wochen eine Magnetresonanztomographie durchgeführt. Nach zwei Jahren fand sich in der Placebogruppe eine Zunahme der Flächen der MS-typischen Läsionen um 20%, in der mit 8 Mio. IE Interferon-beta behandelten Gruppe blieb die Fläche der Läsionen praktisch unverändert.12 Die meisten Fachleute sind der Meinung, dass die in der MRT erhobenen Befunde prognostische Bedeutung für den weiteren Verlauf besitzen.13,14
Neutralisierende Antikörper: Im dritten Studienjahr konnten bei 38% der mit Interferon-beta-1b behandelten Patienten wiederholt neutralisierende Antikörper gegen das Medikament nachgewiesen werden. Dieser Befund war mit einer signifikanten Reduktion der Wirkung der Behandlung auf die Häufigkeit der Schübe verbunden.11
Kritik dieser Studie: Die Aussagekraft dieser Studie wird u.a. deshalb geschwächt, weil nicht alle ursprünglich aufgenommenen Patienten in die Analyse mit einbezogen wurden. Auch der Doppelblindcharakter der Studie kann in Frage gestellt werden, da wegen der verhältnismässig typischen grippeähnlichen Nebenwirkungen von Interferon-beta in vielen Fällen die wahre Natur der Behandlung zu erkennen war.

Unerwünschte Wirkungen
Am häufigsten sind Reaktionen an der Injektionsstelle (Entzündung, Schmerzen, selten Nekrosen). Mit der Zeit werden diese Reaktionen aber seltener: in den ersten drei Monaten hatten 79%, am Ende der Studie nur noch 47% der Patienten lokale Reaktionen. Auch grippeähnliche Symptome sind besonders zu Beginn der Behandlung sehr häufig. Mindestens die Hälfte der Patienten klagt in den ersten drei Monaten über Fieber, Schüttelfrost, Myalgien und/oder ähnliche grippeähnliche Symptome; später werden diese Symptome immer seltener.
Ferner werden beobachtet: Menstruationsstörungen (bei rund einem Viertel der Frauen vor der Menopause), neuropsychiatrische Symptome (Depression, zum Teil mit Suizidalität; Angstgefühle, Konfusion u.a.). Mässig ausgeprägte Leukozytopenien und Transaminasen-Anstiege wurden bei fast 20% der Behandelten beobachtet.10

Verabreichung, Vorsichtsmassnahmen, Kosten
Interferon-beta-1b (Betaferon®) ist in Ampullen zu 8 Mio.IE erhältlich. Diese müssen bei Kühlschranktemperatur von +2° bis +8° gelagert werden. Vor der subkutanen Injektion muss die Lösung jeweils frisch zubereitet werden. Entsprechend der veröffentlichten Studie wird empfohlen, jeden zweiten Tag 8 Mio. IE zu injizieren. Um die grippeähnliche Symptomatik einzuschränken, kann in den ersten Monaten zusätzlich ein nicht-steroidaler Entzündungshemmer oder eine kleine Steroiddosis verabreicht werden.
Die Kosten für eine Behandlung mit Betaferon® betragen 1715 Franken pro Monat. Wenn man annimmt, dass etwa 10% aller MS-Patienten mit Betaferon® behandelt würden, so entspricht dies in der Schweiz jährlichen Kosten von mehr als 20 Mio. Franken. Das Medikament wird auf Mitte September 1996 in der Schweiz kassenzulässig; die Aufnahme in die Liste der kassenzulässigen Präparate ist vorläufig bis Ende 1998 befristet. (Bisher wurden alle Behandlungsgesuche individuell vertrauensärztlich geprüft.)
Im Tierversuch konnte keine teratogene Wirkung nachgewiesen werden; Humandaten fehlen jedoch. Deshalb - und wegen des Risikos von Spontanaborten - soll Interferon-beta-1b nicht in der Schwangerschaft verabreicht werden. Für Personen unter 18 Jahren liegen keine Erfahrungen mit diesem Medikament vor.


Nummer 1 (Interferon-beta bei MS)


Literatur
  1. Filippi M et al. Neurology 1994; 44: 635-41
  2. Kesselring J. pharma-kritik 1988; 10: 57-60
  3. van Oosten BW et al. Drugs 1995; 49: 200-12
  4. Kappos L. Schweiz Med Wochenschr 1995; 125: 1251-63
  5. Durelli L et al. Neurology 1986; 36: 238-43
  6. Milligan DH et al. J Neurol Neurosurg Psychiatry 1987; 50: 511-6
  7. Goodkin DE et al. Neurology 1994; 44: 166-70
  8. Khan OA et al. Neurology 1996; 46: 1639-43
  9. Wills RJ. Clin Pharmacokinet 1990; 19: 390-9
  10. The IFNB Multiple Sclerosis Study Group. Neurology 1993; 43: 655-61
  11. The INFB Multiple Sclerosis Study Group. Neurology 1995; 45: 1277-85
  12. Paty DW et al. Neurology 1993; 43: 662-7
  13. McDonald WI et al. Ann Neurol 1994; 36: 14-8
  14. Miller DH. Current Opinion Neurology 1995; 8: 210-5
  15. Jacobs LD et al. Ann Neurol 1996; 39: 285-94
  16. Anon. Neurology 1994; 44: 1537-40
  17. Vorstand der Schweizerischen Neurologischen Gesellschaft. Schweiz Aerztez 1995; 76: 187-9
  18. Weinshenker BG et al. Brain 1989; 112: 1419-28
  19. Walley T et al. Br Med J 1995; 311: 796-9
Die Referenzen erscheinen auch im Rahmen des Fensters, wenn man im Text mit dem Cursor über die Fussnote fährt.

Mitarbeiter dieser Nummer:
Dr. B. R. Holzer, Mittlere Str. 3, CH-3600 Thun
Dr. H. P. Ackermann, Burgstr. 18, CH-3600 Thun
Prof. Dr. L. Kappos, Neurologisch-neurochirurgische Universitäts-Poliklinik, Kantonsspital, CH-4031 Basel
Dr. N. Löffel, Postfach 240, CH-3000 Bern 32


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