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| Interferon-beta bei Multipler Sklerose |
(pharma-kritik Jahrgang 18, Nr.1)
Diese Nummer wurde am 28. August 1996 redaktionell abgeschlossen.
Interferon-beta-1a
Interferon-beta-1a ist bisher noch nicht offiziell zur MS-Behandlung zugelassen.
Es liegt aber eine grosse Doppelblindstudie vor, die mit Avonex®, einem der beiden Interferon-beta-1a-Präparate, durchgeführt worden ist. 301 Patienten mit schubförmig verlaufender MS erhielten während zwei Jahren Interferon-beta-1a (einmal wöchentlich 6 Mio. IE i.m.) oder Placebo. Untersucht wurde in erster Linie, ob sich mit dem Interferon eine anhaltende Verschlechterung der neurologischen Symptome aufhalten liesse. Als anhaltende Verschlechterung wurde eine während sechs Monaten unveränderte Zunahme um einen Punkt im «Kurtzke Expanded Disability Status Score» definiert. Nach dieser Definition ergab die Interferon-Behandlung eine signifikante Verzögerung der Invaliditätszunahme. Nach zwei Jahren war bei 35% der mit Placebo, aber nur bei 22% der mit Interferon behandelten Patienten eine Verschlechterung festzustellen. Unter Interferon-beta-1a war auch die Zahl der MS-Schübe signifikant geringer als unter Placebo. In der Gadolinium-verstärkten MRT fanden sich in der Interferon-Gruppe weniger Läsionen.
In dieser Studie erhielten die Patienten routinemässig Paracetamol, um grippeähnliche Nebenwirkungen zu reduzieren. So gelang es, die Studie weitgehend doppelblind zu halten. Hier wurden sämtliche Patienten in die Analyse einbezogen. Nach zwei Jahren Behandlung mit Interferon-beta-1a fanden sich bei 22% der Patienten neutralisierende Antikörper.15
Unerwünschte Wirkungen
Soweit sich dies aufgrund der bisherigen Publikationen beurteilen lässt, verursacht Avonex® in der genannten Dosis eher weniger unerwünschte Wirkungen als Betaferon®. Grippeähnliche Symptome (Fieber, Muskelschmerzen, Schüttelfrost) waren aber unter Avonex® ebenfalls recht häufig (bei 61% der Behandelten, allerdings auch bei 40% unter Placebo). Dagegen waren Reaktionen an der Injektionsstelle, Menstruationsanomalien und Depressionen in der aktiv behandelten Gruppe nicht signifikant häufiger als in der Placebogruppe. Leberenzym-Anstiege und Leukozytopenie sollen nicht beobachtet worden sein.15
Interferon-beta-1a ist in der Schweiz noch nicht registriert, jedoch im Rahmen von klinischen Studien erhältlich.
Wer kann möglicherweise von Interferon-beta profitieren?
Die amerikanische Akademie für Neurologie hat die folgenden Empfehlungen publiziert,16 die sich primär auf Interferon-beta-1b beziehen und die von der Schweizerischen Neurologischen Gesellschaft weitgehend übernommen wurden:17
Auf Grund der bisherigen Studienergebnisse und der Meinung der Fachleute können leicht und mittelschwer behinderte Patienten, die an einer Multiplen Sklerose mit schubförmigem Verlauf mit oder ohne Residuen leiden, möglicherweise von einer Interferon-beta-Therapie profitieren. Natürlich muss die Diagnose nach den gängigen klinischen und labormässigen Kriterien gesichert sein. Die Patienten sollten zwischen 18 und 50 Jahre alt sein und während der letzten zwei Jahre mindestens zwei akute Schübe durchgemacht haben. Die Gehfähigkeit sollte (eventuell mit Hilfsmitteln) noch erhalten sein.
Die Wirkung von Interferon-beta bei Patienten mit primär oder sekundär chronisch-progredientem Verlauf ist nicht dokumentiert. Auch bei immobilen Patienten mit schwereren neurologischen Ausfällen ist die Indikation zur Therapie mit Interferon-beta sehr fraglich.
Die Behandlung soll sistiert werden, wenn während sechs Monaten trotz Therapie mit Interferon-beta die Behinderungen zunehmen, drei oder mehr Schübe während eines Jahres mit Kortikosteroiden behandelt werden müssen oder wenn Suizidalität oder Depressionen auftreten. Auch ständige Non-Compliance, schwere unerwünschte Wirkungen, Schwangerschaft, sowie chronische Begleiterkrankungen wie Demenz, Alkoholismus und maligne Leiden zwingen zu einem Therapieabbruch.
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