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Nefazodon |

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B.
Staub |

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pharma-kritik
Jahrgang 21, Nr.02 |

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Redaktionsschluss:
20. September 1999 |
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Nefazodon (Nefadar®)
wird zur Behandlung von Depressionen empfohlen.
Nefazodon ist ein Phenylpiperazin-Derivat, das strukturell
und zum Teil auch in seiner Wirkungsweise dem schon länger bekannten
Antidepressivum Trazodon (Trittico®)
gleicht. Nefazodon hat eine doppelte Wirkung auf die serotoninerge Neurotransmission:
es hemmt bestimmte postsynaptische Serotonin-Rezeptoren (die 5-HT2A-Rezeptoren),
blockiert anderseits in geringem Ausmass die präsynaptische Wiederaufnahme
von Serotonin. Aktive Metaboliten (siehe unten) haben ebenfalls vorwiegend
eine Hemmwirkung an 5-HT2A-Rezeptoren. Nefazodon
hat keine signifikante Affinität zu a- und b-adrenergen,
histaminergen, dopaminergen und cholinergen Rezeptoren.
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1.
Taylor DP et al. J Clin Psychiatry 1995; 56 (Suppl 6): 3-11
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Der genaue Mechanismus
der antidepressiven Wirkung ist nicht geklärt, dürfte jedoch
wahrscheinlich auf der Interaktion mit den serotoninergen Mechanismen
beruhen.
Nefazodon wird gastrointestinal vollständig und rasch
resorbiert. Maximale Plasmaspiegel werden innerhalb von 2 Stunden erreicht.
Wegen eines ausgeprägten präsystemischen Metabolimus beträgt
die Bioverfügbarkeit lediglich etwa 20%. Wird das Medikament zusammen
mit einer Mahlzeit eingenommen, so kann die systemische Verfügbarkeit
um bis zu 18% zunehmen. Nefazodon wird in der Leber durch das Zytochrom CYP3A4
metabolisiert; die Substanz ist auch ein starker Hemmer dieses Zytochroms.
Von den 3 aktiven Metaboliten (Hydroxynefazodon, Meta-Chlorphenylpiperazin,
Triazoldion) ist wahrscheinlich nur Hydroxynefazodon klinisch relevant, da
es relativ hohe Spiegel erreicht und ähnlich aktiv wie Nefazodon selbst
ist.
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2.
Davis R et al. Drugs 1997; 53: 608-36
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Nefazodon und Hydroxynefazodon haben eine nicht-lineare Kinetik: eine
höhere Dosis führt zu überproportional höheren Plasmaspiegeln.
Die Plasmahalbwertszeit von Nefazodon und Hydroxynefazodon beträgt initial
2 Stunden, nach wiederholter Verabreichung 3,5 Stunden. Bei Personen über
65 sowie bei solchen mit eingeschränkter Leberfunktion sind die Plasmaspiegel
wesentlich höher als bei jungen Gesunden.
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2.
Davis R et al. Drugs 1997; 53: 608-36
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Nefazodon ist in mehreren kontrollierten Studien mit
anderen Antidepressiva verglichen worden. Diese wurden meistens im ambulanten
Bereich durchgeführt und dauerten 6 bis 8 Wochen. Zur Beurteilung
der Depression und des Verlaufs dienten verschiedene Skalen wie die «Hamilton
Rating Scale for Depression», die «Clinical Global Impressions» und andere.
In einer doppelblinden Dosisfindungsstudie erhielten
240 Personen mit einer Depression entweder Nefazodon oder Placebo.
Zwei Dosisbereiche (50-300 bzw. 100-600 mg/Tag) wurden verglichen. Nach 6
Wochen hatten signifikant mehr Personen (58%) auf die höhere Nefazodondosis
(Mittel: 392 mg/Tag) angesprochen als auf Placebo (39%). Die Ansprechraten
unter niedriger Dosis unterschieden sich nicht von denjenigen unter
Placebo.
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3.
Mendels J et al. J Clin Psychiatry 1995; 56 (Suppl 6): 30-6
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283 Personen mit einer mittelschweren oder schweren Depression
wurden in einer multizentrischen Doppelblindstudie während 8 Wochen ambulant
entweder mit Nefazodon, Imipramin (Tofranil®)
oder Placebo behandelt. Die Nefazodon-Dosis lag zwischen 100 und 600
mg (im Mittel 396 mg/Tag), die Imipramin-Dosis zwischen 50 und 300 mg (im
Mittel 191 mg/Tag). Die Wirksamkeit der beiden aktiven Behandlungen unterschied
sich nicht signifikant. Unter Nefazodon hatten 78% der Teilnehmenden eine
starke oder sehr starke Besserung auf der Hamilton-Skala, unter Imipramin
waren es 83%, unter Placebo nur 55%.
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4.
Rickels K et al. Br J Psychiatry 1994; 164: 802-5
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Mit Amitriptylin (Saroten®
u.a., mittlere Tagesdosis 124 mg) wurde Nefazodon (mittlere Tagesdosis 242
mg) in einer Doppelblindstudie ohne Placebokontrolle verglichen. Die sechswöchige
Studie umfasste 106 Personen mit mittelschwerer bis schwerer Depression. Amitriptylin
war gemäss allen Skalen signifikant besser als Nefazodon antidepressiv
wirksam.
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5.
Ansseau M et al. Psychopharmacology 1994; 115: 254-60
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In einer multizentrischen Doppelblindstudie
wurden 206 Personen, die ebenfalls an einer mittelschweren bis schweren Depression
litten, ambulant entweder mit Nefazodon oder mit Paroxetin (Deroxat®)
behandelt. Am Schluss der achtwöchigen Studie betrugen die durchschnittlichen
Tagesdosen 472 mg Nefazodon und 33 mg Paroxetin. Beide Gruppen erfuhren gemäss
den benutzten Skalen eine vergleichbare klinische Verbesserung der Depression.
Auch andere Symptome - z.B. Angst, Schlafstörungen - wurden von beiden
Medikamenten ähnlich günstig beeinflusst.
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6.
Baldwin DS et al. J Clin Psychiatry 1996; 57 (Suppl 2): 46-52
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Mit dem verwandten Trazodon
ist Nefazodon offenbar nicht verglichen worden.
Die Erfahrungen in der Langzeitanwendung
von Nefazodon sind sehr beschränkt. In einer Studie wurden Nefazodon,
Imipramin und Placebo während eines Jahres miteinander verglichen; die
beiden aktiven Arzneimittel waren ähnlich wirksam.
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7.
Montgomery SA. J Clin Psychiatry 1996; 57 (Suppl 2): 24-30
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| Beeinflussung von Schlaf und
Sexualfunktion |
Bei 43 Personen mit einer mittelschweren bis schweren Depression
wurde nebst der antidepressiven Wirksamkeit vor allem die Beeinflussung
der Schlafarchitektur durch Nefazodon und Fluoxetin (z.B. Fluctine®)
verglichen. Während 8 Wochen erhielten 22 Personen Nefazodon (max. Tagesdosis
500 mg) und 21 Personen Fluoxetin (max. Tagesdosis 40 mg). Nefazodon war ähnlich
gut antidepressiv wirksam wie Fluoxetin. Unter Nefazodon war der Schlaf ruhiger,
es kam seltener zum Aufwachen und die REM-Schlafphase wurde rascher erreicht
und dauerte länger als unter Fluoxetin.
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8.
Armitage R et al. J Clin Psychopharmacol 1997; 17: 161-8
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160 Personen mit einer Depression
wurden nach dem Zufall während 6 Wochen entweder mit Nefazodon (mittlere
Tagesdosis: 456 mg) oder Sertralin (Gladem®,
Zoloft®, mittlere
Tagesdosis 148 mg) behandelt. Die beiden Medikamente waren ähnlich gut
antidepressiv wirksam. Im Vergleich mit einer medikamentenfreien Zeit von
einer bis vier Wochen Dauer beeinflusste Nefazodon die Sexualfunktionen
und die Zufriedenheit weder bei Frauen noch bei Männern. Sertralin dagegen
verminderte bei Frauen die Orgasmusfähigkeit, Männer berichteten
über gehäufte Ejakulationsstörungen.
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9.
Feiger A et al. J Clin Psychiatry 1996; 57 (Suppl 2): 53-62
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Unerwünschte Wirkungen von Nefazodon sind mindestens
teilweise dosisabhängig. Unter klinisch wirksamen Dosen waren in einer
repräsentativen Studie die folgenden Nebenwirkungen am häufigsten:
Schläfrigkeit (über 30% der Behandelten), Brechreiz, Schwindel,
Mundtrockenheit (zwischen 20 und 30%). Auch verschwommenes Sehen oder andere
Sehstörungen traten bei mehr als 10% auf.
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3.
Mendels J et al. J Clin Psychiatry 1995; 56 (Suppl 6): 30-6
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Mit zunehmender Behandlungsdauer nehmen die Nebenwirkungen oft ab.
Gemäss einer von der Herstellerfirma zusammengestellten Übersicht
verursacht Nefazodon weniger unerwünschte Wirkungen als Imipramin und
etwa gleich viele wie Fluoxetin.
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10.
Robinson DS et al. J Clin Psychiatry 1996; 57 (Suppl 2): 31-8
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Rund 12% der mit Nefazodon
Behandelten brechen ihre Therapie wegen Nebenwirkungen ab (mit Fluoxetin
sind es 10%, mit Imipramin 22%).
Verschiedene seltenere Nebenwirkungen - Haarausfall, Entzugserscheinungen,
Hypoglykämie, auch sexuelle Störungen - sind beobachtet worden.
Von besonderer Bedeutung sind Einzelfälle von fulminantem Leberversagen,
welches nach einer Behandlung von Wochen bis Monaten auftreten kann.
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11.
Aranda-Michel J et al. Ann Intern Med 1999; 130: 285-8
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12.
Anon. Aust Adv Drug React Bull 1998; 14: 14
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Die Herstellerfirma rät, bei Verdacht auf eine Leberschädigung
das Präparat sofort abzusetzen und die Leberenzyme zu bestimmen.

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| Interaktionen |
Nefazodon ist ein potenter Hemmer des Zytochroms CYP3A4.
Es kann klinisch bedeutsame Interaktionen verursachen: Mit Astemizol (Hismanal®)
oder Cisaprid (Prepulsid®) kann es zu Herzrhythmusstörungen
(Torsades de pointes!) führen, mit einzelnen Statinen zusammen eine
Rhabdomyolyse begünstigen und es kann auch die Plasmaspiegel von
Alprazolam (Xanax®), Triazolam (Halcion®)
und von Tacrolimus (Prograf®) und wahrscheinlich noch von
anderen Medikamenten massiv ansteigen lassen. Eine gleichzeitige Verabreichung
mit diesen Medikamenten sollte deshalb vermieden werden.

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| Dosierung, Verabreichung, Kosten
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Nefazodon (Nefadar®)
ist als teilbare Tabletten zu 100 oder 200 mg erhältlich. Die Herstellerfirma
empfiehlt, mit einer Dosis von 2mal 50 mg/Tag zu beginnen. Besonders bei
älteren Leuten ist es wichtig, die Dosis nur vorsichtig zu steigern.
Bei jüngeren Leuten liegen wirksame Dosen im Bereich von 300 bis
600 mg pro Tag. Schwangere und stillende Frauen sowie Kinder sollten kein
Nefazodon nehmen, da die Verträglichkeit für diese Personengruppen
nicht dokumentiert ist. Nefazodon ist kassenzulässig. Eine Behandlung
kostet bei einer Dosis von 2mal 200 mg/Tag etwa 91 Franken im Monat. Trazodon
(300 mg/Tag) kostet 61 Franken, Fluoxetin-Generika (20 mg/Tag) etwa 68
Franken und hochdosiertes Imipramin (200 mg/Tag) ebenfalls 68 Franken
pro Monat.
Nefazodon hat zwar den Vorzug eines originellen dualen
Wirkungsmechanismus. Das Medikament weist jedoch anderseits mehrere Handicaps
auf, die seine Anwendung erschweren. Wohl infolge der nicht-linearen Kinetik
ist der Dosisbereich, der im Einzelfall optimal ist, nicht leicht voraussehbar.
Offensichtlich sind jedenfalls Dosen bis zu etwa 300 mg täglich bei
jüngeren Leuten nicht signifikant wirksam. Anderseits ist anzunehmen,
dass - bisher nicht dokumentiert - Ältere schon auf niedrige Dosen
ansprechen. Problematisch ist sodann die Tatsache, dass Nefazodon ein
Zytochrom hemmt, das für die Biotransformation zahlreicher Arzneimittel
von Bedeutung ist. Neuerdings ist nun auch noch die Bedrohung durch eine
vorher nicht erkannte Hepatotoxizität hinzugekommen. Zudem liegen
bis anhin nur sehr wenige Daten zur Langzeitanwendung vor. Am ehesten
lässt sich wohl die - sehr vorsichtige - Anwendung bei jüngeren
Personen vertreten, die unter einem anderen Antidepressivum eine ausgeprägte
sexuelle Dysfunktion entwickelt haben.
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