| ORALE
KONTRAZEPTIVA
Kombinierte
orale Kontrazeptiva entsprechen wohl der am häufigsten
verwendeten Methode der Kontra-zeption. Die Verträglichkeit
dieser Medikamente wurde in erster Linie durch
eine Reduktion der Östrogendosis verbessert.
Sie sind dennoch nicht risikofrei.
Texte zu den
kardiovaskulären Nebenwirkungen:
Kappeler
T. pharma-kritik 2002; 24: 69-72
Shufelt CL, Bairey Merz
CN. J Am Coll Cardiol 2009; 53: 221-31 [Medline]
Plu-Bureau G et al. Gynecol
Obstet Fertil 2008; 36: 448-54 [Medline]
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Thromboembolische Ereignisse
In einer dänischen Kohortenstudie wurden für
gesunde Frauen im Alter zwischen 15 und 49 Jahren zwischen
1995 und 2005 die Zahl aller Varianten von venösen Thrombosen
und Lun-genembolien erfasst. Dazu wurde untersucht, ob diese
Frauen orale Kontrazeptiva einnahmen und gegebenenfalls, um
wel-che Art von Kontrazeptiva es sich handelte. Gesamthaft
wur-den 10,4 Mio. Frauenjahre erfasst; rund ein Drittel dieser
Jahre fielen auf Frauen, die Kontrazeptiva einnahmen. Für
Frauen, die keine Kontrazeptiva einnahmen, betrug das absolute
Risiko eines thromboembolischen Ereignisses 3,01 auf 10'000
Frau-enjahre. Frauen, die Kontrazeptiva einnahmen, hatten
insge-samt ein gut doppelt so grosses Risiko (6,29 auf 10'000
Frau-enjahre). Im ersten Jahr der Pillen-Einnahme war das
Throm-boserisiko am grössten, mit der Zeit nahm das Risiko
ab. Thrombosen waren auch umso seltener, je kleiner die Östro-gendosis
war. Im Vergleich mit Levonorgestrel-haltigen Kontrazeptiva
(«zweite Generation») war das Risiko einer venösen
Thromboembolie unter den Präparaten der «dritten
Generation» (mit Desogestrel oder Gestoden) oder mit
Drospi-renon- oder Cyproteron-haltigen Pillen um 64 bis 88%
höher (bei gleicher Östrogendosis). Reine Gestagen-Kontrazeptiva
wiesen dagegen kein erhöhtes Risiko auf.
Lidegaard Ø et al. BMJ 2009; 339: b2890
[Medline]
Eine niederländische Fall-Kontrollstudie (die sogen.
MEGA-Studie) befasste sich mit denselben Fragen: Wie gross
ist das Thromboembolie-Risiko unter der Pille und welche Bedeutung
kommen der Östrogendosis und der Art des Gestagens zu?
1524 Fälle aus sechs niederländischen Kliniken wurden
entsprechenden Kontrollen (n=1760) gegenübergestellt.
Gesamthaft fand sich das Risiko eines thromboembolischen Ereignisses
unter oralen Kontrazeptiva etwa auf das Fünffache erhöht.
Beispielsweise hatten Frauen im Alter zwischen 30 und 50 Jahren
ohne Pille eine Thromboserisiko von 2,0 bis 2,3 auf 10'000
Frauenjahre, mit der Pille jedoch von 10,0 bis 13,3 auf 10'000
Frauenjahre. Auch in dieser Studie war das Risiko zu Beginn
der Einnahme eines Kontrazeptivums am höchsten; ebenfalls
fand sich ein deutlich höheres Risiko unter Präparaten,
die eine hohe Östrogendosis (50 µg Ethinylestradiol
im Vergleich mit 20 oder 30 µg) enthielten. Gegenüber
Frauen ohne Kontrazeptivum hatten solche mit einer Levonorgestrel-haltigen
Pille ein fast auf das Vierfache erhöhtes Thromboserisiko
(Odds Ratio [OR] von 3,6, 95% Vertrauensintervall 2,9 bis
4,6). Am höchsten war das Risiko unter Präparaten,
die Drospirenon (OR 6,3), Cyproteron (OR 6,8) und Desogestrel
(OR 7,3) enthalten.
Van Hylckama Vlieg A et al. BMJ 2009; 339: b2921
[Medline]
In zwei anderen Kohortenstudien wurde spezifisch untersucht,
ob sich das Drospirenon-haltige Kontrazeptivum (Yasmin®)
bezüglich thromboembolischer Ereignisse von anderen Kontrazeptiva
unterscheide. Die eine – europäische – Studie
erfasste auch andere unerwünschte Wirkungen; es wird
über 142'000 Frauenjahre berichtet. In dieser Studie
fand sich bezüglich Thromboserisiko nur ein nicht-signifikanter
Unterschied zwischen Ethinylestradiol/Drospirenon (9 Ereignisse
auf 10'000 Frauenjahre) und Ethinylestradiol/Levonorgestrel
(8 Ereignisse auf 10'000 Frauenjahre). Die andere Studie wurde
in den USA durchgeführt: 22'000 Frauen unter Ethinylestradiol/Drospirenon
und 44'800 Frauen unter anderen Kontrazeptiva wurden während
durchschnittlich 7,6 Monaten beobachtet. Das in dieser Studie
festgestellte hohe Thromboserisiko (13 bis 14 Ereignisse auf
10'000 Frauenjahre) erklärt sich durch die Tatsache,
dass hier Frauen in den ersten Monaten der Einnahme eines
Kontrazeptivums erfasst wurden. Signifikante Unterschiede
zwischen verschiedenen Präparaten fanden sich nicht,
wobei allerdings die Zusammensetzung der «anderen»
Kontrazeptiva nicht definiert ist.
Dinger JC et al. Contraception 2007; 75: 344-54
[Medline]
Seeger JD et al. Obstet Gynecol 2007; 110: 587-93
[Medline]
Es zeigt sich, dass das Basisrisiko eines thromboembolischen
Ereignisses bei Frauen deutlich höher ist als es auf
Grund der 1995 publizierten WHO-Studie angenommen wurde.1
Damals wurde geschätzt, dass eine Frau ohne Pilleneinnahme
selbst in der Altersklasse 40-49 nur ein Risiko von 0,6 Ereignissen
auf 10'000 Frauenjahre hätte. In den oben zusammengefassten
neuen Studien betrug das Basisrisko 2 bis 3 Ereignisse auf
10'000 Frauenjahre. Nimmt aber eine Frau die Pille, so ist
nach diesen Studien ihr Risiko besonders hoch, wenn sie ein
Präparat der «dritten Generation» oder eines
mit Cyproteron oder Drospirenon nimmt – es ist hier
mit rund 10 Ereignissen auf 10'000 Frauenjahre zu rechnen.
Mit sehr grosser Wahrscheinlichkeit ist dagegen das Risiko
bei den Levonorgestrel-haltigen Pillen etwas kleiner. Somit
ist nicht einzusehen, weshalb nicht diesen «älteren»
Präparaten der Vorzug gegeben werden sollte. (Etzel Gysling)
1 World Health Organisation Collaborative Study of Cardiovascular
Disease and Steroid Hormone Contraception. Lancet 1995; 346:
1582-8 [Medline]
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