| Die
Medikamente
Eine frühzeitige und konsequente Behandlung der arteriellen
Hypertonie reduziert bei Diabeteskranken ganz entscheidend
die kardiovaskulären und renalen Erkrankungen sowie die diabetische
Retinopathie. Die therapeutische Strategie und Wahl des Medikamentes
orientiert sich an den begleitenden kardiovaskulären Risikofaktoren
sowie an den bereits vorhandenen Endorganschäden.
Bei der Beurteilung der verschiedenen Medikamentengruppen
muss man sich der eingeschränkten Aussagekraft der vorhandenen
Studien bewusst sein: Viele der vorliegenden Studien wurden
zwar randomisiert, aber offen durchgeführt. Meistens war es
den Behandelnden erlaubt, neben den untersuchten Therapien
andere Medikamente einzusetzen oder in einer Vergleichsstudie
wenn nötig auch beide verglichenen Substanzen (z.B. einen
ACE-Hemmer und einen Kalziumantagonisten) zu verschreiben.
Nur ganz wenige Studien wurden ausschliesslich bei hypertonen
Diabeteskranken durchgeführt; meistens stellt diese Personengruppe
eine Subgruppe innerhalb eines grösseren Kollektivs dar.
Ein weiterer Umstand erschwert uns die adäquate Auswahl des
besten Medikamentes: Die Studienpolitik vieler Herstellerfirmen
hat dazu geführt, dass zum Teil gerade diejenigen Medikamentengruppen,
deren Vergleich uns am meisten interessieren würde, nicht
verglichen wurden. So verfügen wir bisher über keine guten
Vergleichsstudien zwischen ACE-Hemmern und Sartanen (Angiotensin-Rezeptorantagonisten).
ACE-Hemmer
In der HOPE-Studie wurden 3577 Diabetiker und Diabetikerinnen
mit der Anamnese eines kardiovaskulären Ereignisses oder mit
mindestens einem weiteren Risikofaktor mit Ramipril
(Triatec®, Vesdil®,
10 mg/Tag) oder Placebo behandelt. 56% der Studienpopulation
hatten initial einen erhöhten Blutdruck; Diuretika, Betablocker
und Kalziumantagonisten durften weiter eingenommen werden.
Die Studie wurde 6 Monate vor dem geplanten Studienende (5
Jahre) abgebrochen, da sich unter Ramipril für den kombinierten
Endpunkt (Herzinfarkt, Schlaganfall, kardiovaskulär bedingter
Tod) gegenüber der Vergleichsgruppe eine signifikante Reduktion
des relativen Risikos um 25% ergeben hatte. Der Blutdruck
in der mit Ramipril behandelten Gruppe lag jedoch nur um etwa
2/3 mm Hg niedriger als in der Vergleichsgruppe, weshalb für
den ACEHemmer eine blutdruckunabhängige Gefässschutzwirkung
angenommen wird.(6)
In der CAPPP-Studie wurde Captopril (Lopirin®
u.a.) als primäre Behandlung mit einer «konventionellen» antihypertensiven
Therapie (vorwiegend Betablocker und Diuretika) bei Personen
mit Hypertonie verglichen. In dieser «praxisnahen» Studie
war die Zugabe weiterer Medikamente in beiden Vergleichsgruppen
erlaubt. Für das Gesamtkollektiv ergaben sich keine signifikanten
Unterschiede zwischen Captopril und der Vergleichstherapie.
Einzig für die Subgruppe der 572 Diabeteskranken fand sich
ein signifikanter Vorteil von Captopril, indem der kombinierte
primäre Endpunkt (Herzinfarkte, Schlaganfälle, kardiovaskulär
bedingter Tod) unter Captopril seltener erreicht wurde.(7)
Im Rahmen der UKPDS-Studie erhielten 758 Personen
mit einem Typ-2-Diabetes und einem mittleren Blutdruck von
160/94 mm Hg primär entweder Atenolol (Tenormin®
u.a.) oder Captopril. Damit der Ziel-Blutdruck (weniger
als 150/85 mm Hg) erreicht werden konnte, musste gegen ein
Drittel der Behandelten in beiden Gruppen mit drei verschiedenen
Antihypertensiva behandelt werden. (Dabei erhielt ein Teil
der Personen sowohl Atenolol als auch Captopril.) In der Captopril-Gruppe
wurde ein durchschnittlicher Blutdruck von 144/83 und in der
Atenolol-Gruppe von 143/81 mm Hg erzielt. Im Vergleich mit
weniger intensiv Behandelten war der Schutz vor mikro- und
makrovaskulären Komplikationen in beiden Gruppen gleich gut
(siehe oben). Auch in Bezug auf eine Progression der Albuminurie
wurde zwischen den beiden Gruppen kein signifikanter Unterschied
festgestellt.(8)
In der FACET-Studie wurden 380 Personen mit Typ-2-
Diabetes und Blutdruckwerten über 140/90 mm Hg randomisiert
mit Fosinopril (Fositen® ,
20 mg/Tag) oder Amlodipin (Norvasc®,
10 mg/Tag) behandelt. Andere Antihypertensiva waren nicht
erlaubt, wohl aber die Kombination der beiden untersuchten
Medikamente. Während der Beobachtungszeit von 3,5 Jahren senkten
beide Substanzen den Blutdruck in ähnlichem Ausmasse. In der
Fosinopril-Gruppe ereigneten sich jedoch signifikant weniger
schwerwiegende kardiovaskuläre Ereignisse (nämlich nur 14
gegenüber 27 in der Amlodipin- Gruppe).(9)
In der ABCD-Studie wurden 470 Kranke mit einem Typ-2-
Diabetes und einem diastolischen Blutdruck von mindestens
90 mm Hg mit Enalapril (Reniten®)
oder Nisoldipin (Syscor®) behandelt.
Zusatzbehandlungen waren in beiden Gruppen erlaubt. Während
einer Studiendauer von durchschnittlich 5 Jahren traten in
der Nisoldipingruppe 25, in der Enalaprilgruppe lediglich
5 Herzinfarkte auf.(10)
ACE-Hemmer sind für Diabetikerinnen und Diabetiker mit einer
Hypertonie die Mittel der ersten Wahl, insbesondere
im Vergleich mit Kalziumantagonisten, jedoch auch gegenüber
Betablockern und Diuretika. Ihre vorteilhafte Wirkung – insbesondere
auch im Sinne einer Nephroprotektion – geht wahrscheinlich
über die blutdrucksenkende Wirkung hinaus.(5)
Der Vergleich mit den neueren Sartanen gestaltet sich schwierig,
da bisher keine entsprechenden Studien veröffentlicht wurden.
In vielen Fällen sind jedoch zusätzliche Antihypertensiva
notwendig, weil der nachhaltigen Senkung des Blutdrucks zweifellos
die grösste Bedeutung zukommt.
Die Verträglichkeit der ACE-Hemmer ist meistens
gut; allerdings entwickeln zwischen 10 und 20% der Behandelten
einen Reizhusten. Ein eventuell lebensbedrohliches Angioödem
ist eine seltene Komplikation; bei Stridor oder lokaler Schwellung
der Haut muss der ACE-Hemmer abgesetzt werden.
Unter ACE-Hemmern kann der Kreatininspiegel ansteigen, besonders
dann, wenn gleichzeitig eine Nierenarterienstenose vorliegt.
Daher sollten mindestens initial die Plasmaspiegel von Kreatinin
und Kalium wiederholt kontrolliert werden.
Sartane
Zur Wirksamkeit der Sartane (Angiotensin-Rezeptorantagonisten)
sind einige neuere Studienresultate verfügbar.
In der LIFE-Studie wurden über 9000 Personen mit
einer essentiellen Hypertonie und einer linksventrikulären
Hypertrophie mit Atenolol oder Losartan
(Cosaar®) behandelt. Der primäre Endpunkt
der Studie entsprach der Kombination der folgenden Ereignisse:
kardiovaskulär bedingter Todesfall, Herzinfarkt, Schlaganfall.
Eine Subgruppe dieser Studie umfasste 1195 Diabeteskranke.
In der mittleren Beobachtungszeit von 4,7 Jahren wurde bei
diesen Individuen der Blutdruck von durchschnittlich 177/96
mm Hg auf 146/79 mm Hg in der Losartangruppe und auf 148/79
mm Hg in der Atenololgruppe gesenkt. Dieses Resultat wurde
erreicht, weil etwa die Hälfte der Behandelten zusätzliche
Antihypertensiva (jedoch keine ACE-Hemmer und keine zusätzlichen
Betablocker oder Sartane) erhielt. Die Anzahl der Personen,
die den primären Endpunkt erreichten, war in der Losartangruppe
signifikant kleiner (n=103) als in der Atenololgruppe (n=139).
Dies entspricht einer Reduktion des absoluten Risikos um 5%.
Auch die kardiovaskuläre und gesamte Mortalität war in der
Losartangruppe signifikant kleiner. Werden die Fälle von Herzinfarkt
bzw. Hirnschlag separat betrachtet, so kann hier kein signifikanter
Unterschied festgestellt werden.(11)
An der RENAAL-Studie nahmen 1513 Personen mit Typ-2-
Diabetes und einer Makroproteinurie teil; fast alle hatten
einen erhöhten Blutdruck. Hier wurde Losartan während
durchschnittlich 3,4 Jahren mit Placebo verglichen.
Mit Ausnahme von ACE-Hemmern waren zusätzliche Antihypertensiva
erlaubt. Der primäre Endpunkt (Kombination von Verdoppelung
des Kreatininspiegels, terminaler Niereninsuffizienz und Tod)
trat in der Losartangruppe signifikant seltener als in der
Placebogruppe auf, nämlich bei 43,5% (Placebo: 47,1%). Entsprechend
der ungünstigen Prognose starben viele Kranke (21% in der
Losartangruppe, 20,3% in der Placebogruppe).(12)
In der IDNT-Studie erhielten 1715 Personen mit Typ-2-
Diabetes, Hypertonie und Makroproteinurie Irbesartan
(Aprovel ®), Amlodipin oder
Placebo. Zusätzliche Sartane, Kalziumantagonisten
oder ACE-Hemmer durften nicht verabreicht werden, andere Antihypertensiva
aber wohl. Der kombinierte Endpunkt war derselbe wie in der
RENAAL-Studie. Dieser wurde innerhalb der rund zweieinhalb
Jahre dauernden Studie bei 32,6% der Irbesartangruppe, 41,1%
der Amlodipingruppe und 39,0% der Placebogruppe erreicht.
Auch in dieser Studie zeigte sich der nephroprotektive Effekt
der Sartane, indem in erster Linie der Verlauf der Nierenfunktion
von Irbesartan günstig beeinflusst wurde.(13)
Irbesartan wurde auch bei Diabeteskranken geprüft, die neben
der Hypertonie nur eine Mikroalbuminurie hatten.
In dieser Studie namens IRMA-2 erhielten die 590 Teilnehmenden
während 2 Jahren Irbesartan oder Placebo. Andere
Antihypertensiva (ausser ACE-Hemmer) waren erlaubt. Primärer
Endpunkt war das Auftreten einer anhaltenden nächtlichen Albuminurie
(über 200 µg/Minute) oder eine 30%ige Zunahme der Albuminurie.
Obwohl Irbesartan den Blutdruck nur wenig zusätzlich senkte,
ergab sich mit der höheren Tagesdosis (300 mg) eine signifikante
Wirkung auf diesen Endpunkt (5,2% gegenüber 14,9% in der Placebogruppe).(14)
Sartane sind nach aktuellem Wissen gut verträgliche Medikamente.
Wie bei den ACE-Hemmern sollten mindestens initial die Kreatininwerte
überwacht werden.
Heute besteht kein Zweifel mehr, dass Sartane bei Personen
mit Diabetes und erhöhtem Blutdruck gut wirksam sind, wenn
auch oft eine zusätzliche antihypertensive Medikation notwendig
ist. Dagegen ist ihr Stellenwert im Vergleich mit den ACEHemmern
nach wie vor ungenügend definiert. Personen, die unter ACE-Hemmern
husten, können gut mit Sartanen behandelt werden.
Diuretika
Diuretika werden heute kaum als primäre Behandlung einer
Hypertonie bei Diabeteskranken in Betracht gezogen. Sie sind
jedoch trotz ihrer möglichen Auswirkungen auf den Glukosestoffwechsel
keineswegs kontraindiziert, sondern leisten in Kombination
mit anderen Antihypertensiva einen substantiellen Beitrag
zur Blutdrucksenkung.
Selbst als Monotherapie war Chlortalidon (Hygroton®)
in niedriger Dosierung bei älteren, nicht-insulinpflichtigen
Diabeteskranken mit einer isolierten systolischen Hypertonie
erfolgreich: In einer Untergruppe der SHEP-Studie
führte diese Behandlung im Vergleich mit Placebo
über einen Zeitraum von 5 Jahren zu einer signifikanten Reduktion
der kardiovaskulären Komplikationen. In der Chlortalidon-Gruppe
kam es bei 20%, in der Placebogruppe dagegen bei 27,6% zu
schwerwiegenden kardiovaskulären Ereignissen.(3)
Betablocker
Die Resultate der oben erwähnten LIFE-Studie, in der sich
Losartan als wirksamer als Atenolol gezeigt hat, lässt gewisse
Zweifel am Stellenwert der Betablocker bei Diabetes und Hypertonie
aufkommen.
Auf Grund früherer Daten, insbesondere den bereits genannten
Resultaten des Vergleichs von Captopril und Atenolol innerhalb
der UKPDS-Studien, kann jedoch geschlossen werden, dass Betablocker
eine wirksame und meistens gut verträgliche Behandlung darstellen.(2,8)
Insbesondere kann angenommen werden, dass sich Betablocker
für Diabetiker und Diabetikerinnen mit koronarer Herzkrankheit
eignen.(15)
In einer kleinen älteren Arbeit ist zudem eine nephroprotektive
Wirkung von Betablockern in Kombination mit Diuretika bei
jungen Kranken mit einem Typ-1-Diabetes dokumentiert worden.(16)
Ob sich diese Daten verallgemeinern lassen, kann jedoch nicht
gesagt werden.
Aussagen zu den einzelnen Betablockern lassen sich
nur beschränkt dokumentieren. In vielen Studien sind verschiedene
Betablocker als Zweit- oder Dritt-Antihypertensiva zum Einsatz
gelangt – dies dürfte beim Vorliegen eines Diabetes auch die
beste Verwendung darstellen.
Wenn auch eine Herzinsuffizienz vorliegt, empfiehlt es sich,
dabei eine der für diese Indikation dokumentierte Substanz
– z.B. Bisoprolol (Concor® u.a.) – zu
verwenden. Betablocker sind relativ gut verträglich; unter
den Nebenwirkungen ist besonders die bronchokonstriktorische
Wirkung zu beachten.
Kalziumantagonisten
Die aktuell vorliegenden Studienresultate (FACET-, ABCD-
und IDNT-Studie, siehe oben) sprechen klar gegen einen primären
Einsatz von Dihydropyridin-Kalziumantagonisten bei Diabeteskranken
mit Hypertonie.
Im Vergleich mit Placebo hat sich zwar für Nitrendipin
(Baypress®) bei solchen Individuen eine
vorteilhafte Wirkung auf die kardiovaskuläre und die gesamte
Mortalität errechnen lassen. Diese Aussage beruht jedoch auf
der nachträglichen Auswertung einer Subgruppe der Syst-Eur-Studie,
in der Personen mit isolierter systolischer Hypertonie behandelt
wurden.(4)
Auch die Daten der oben erwähnten HOT-Studie, bei
der Felodipin (Munobal®, Plendil®)
als erstes Antihypertensivum zum Einsatz gelangte, lassen
sich nur beschränkt zu Gunsten der Kalziumantagonisten interpretieren,
da es in dieser Studie in erster Linie um den Vergleich verschieden
intensiver Therapien ging.(1)
Zu den Nicht-Dihydropyridinen wie Verapamil (Isoptin®
u.a.) und Diltiazem (Dilzem® u.a.) liegen
bezüglich antihypertensiver Therapie bei Diabetes keine ausreichenden
Daten vor.
Unter Berücksichtigung der Tatsache, dass Kalziumantagonisten
in sehr zahlreichen Studien als Zweit- oder Dritt- Antihypertensivum
eingesetzt wurden, ist jedoch die Anwendung von Kalziumantagonisten
– in der Regel in Kombination mit ACE-Hemmern und Diuretika
– auch bei Diabetikerinnen und Diabetikern eine vertretbare
Option. Dies trifft umso mehr zu, als es sich oft als schwierig
erweist, den Blutdruck ohne Kalziumantagonisten in den gewünschten
Bereich zu senken.
Kombinationen
Wie bereits wiederholt erwähnt, sind bei Diabetikern und
Diabetikerinnen oft mehrere (nicht selten drei oder vier)
Antihypertensiva notwendig, um den Blutdruck adäquat zu senken.
Im Rahmen der medikamentösen Kombinationen haben Diuretika
einen hohen Stellenwert. ACE-Hemmer plus Diuretika in niedriger
Dosierung senken den Druck besonders wirksam. Im Hinblick
auf die für Diabeteskranke notwendige Polypharmazie ist es
vorteilhaft, dass verschiedene fixe Kombinationen mit Diuretika
erhältlich sind.
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