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| pharma-kritik |
| Titel |
Gefitinib |
| Autor |
UP. Masche
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| pharma-kritik Jahrgang
26, Nummer 8 |
Redaktionsschluss
: 7. Oktober 2004 |
| Gefitinib (Iressa®)
wird zur palliativen Behandlung des fortgeschrittenen nicht-kleinzelligen
Bronchuskarzinoms empfohlen. |
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Chemie/Pharmakologie
Wachstum und Differenzierung von Zellen werden
durch den epidermalen Wachstumsfaktor und andere Liganden
reguliert, die sich an einen spezifischen Rezeptor an der
Zelloberfläche binden («epidermal growth factor
receptor» = EGF-Rezeptor). Am intrazellulären Teil
des EGF-Rezeptors befindet sich eine Tyrosinkinase, deren
Aktivierung eine Phosphorylierung in Gang setzt, was ein Signal
für die Zellproliferation bedeutet.
Bei vielen epithelialen Tumoren findet sich eine verstärkte
Expression des EGF-Rezeptors; beim nicht-kleinzelligen Bronchuskarzinom
trifft dies auf 80% der Plattenepithelkarzinome und auf 50%
der Adenokarzinome und der grosszelligen Karzinome zu.
Gefitinib, ein Anilinchinazolin, hemmt selektiv die zum EGFRezeptor
gehörende Tyrosinkinase, indem es mit Adenosintriphosphat
(ATP) um die Bindung an dieses Enzym konkurriert. Dadurch
wird die Zellproliferation, Angiogenese und Metastasierung
gebremst sowie die Apoptose gefördert.(1,2)
Möglicherweise wirkt Gefinitib vor allem bei derjenigen
Untergruppe nicht-kleinzelliger Bronchuskarzinome, bei denen
die Tumorzellen eine bestimmte Mutation des EGF-Rezeptors
aufweisen.(3,4)
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| Pharmakokinetik
Die Resorption von Gefinitib aus dem Magen-Darm-Trakt erfolgt
langsam, so dass Plasma-Spitzenspiegel erst nach 3 bis 7 Stunden
erreicht sind. Die biologische Verfügbarkeit beträgt
60%. Gefitinib wird in der Leber über das Zytochrom CYP3A4
abgebaut. Es sind fünf Metaboliten identifiziert; keiner
davon trägt wesentlich zur pharmakologischen Wirkung
bei. Die Ausscheidung findet grösstenteils über
den Stuhl statt. Die Plasmahalbwertszeit beträgt durchschnittlich
48 Stunden. Eine mittelgradige Leberinsuffizienz scheint die
Pharmakokinetik von Gefitinib nicht nennenswert zu verändern.(5)
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Klinische
Studien
Zum Einsatzgebiet von Gefitinib – dem fortgeschrittenen
und bereits mit Zytostatika behandelten nicht-kleinzelligen
Bronchuskarzinom – liegen die Ergebnisse von zwei Doppelblindstudien
vor, in denen zwei verschiedene Dosen, 250 und 500 mg/Tag,
miteinander verglichen wurden (ohne Kontrollgruppen). Beide
Studien befassten sich mit Personen, bei denen ein lokal ausgedehnter
oder ein metastasierender Tumor vorlag und eine oder mehrere
Chemotherapien mit einem Platinderivat oder mit Docetaxel
(Taxotere®) vorangegangen waren. Da zwischen den beiden
Dosen kein signifikanter Unterschied zu verzeichnen war, lassen
sich die Ergebnisse zusammengefasst darstellen.
In der einen Studie konnte nach einer medianen Behandlungsdauer
von 8 Wochen bei keiner der 216 Personen ein komplettes Ansprechen
(Verschwinden des Tumors) beobachtet werden; bei 10% der Behandelten
sprach der Tumor partiell auf Gefitinib an (mindestens 50%ige
Abnahme der Tumorgrösse) und bei 29% stabilisierte sich
die Krankheit (weder Zu- noch Abnahme der Tumorgrösse).
39% der Behandelten berichteten von einer Beschwerdelinderung
(definiert als Besserung um mindestens zwei Punkte auf einer
von 0 bis 28 Punkte reichenden Skala, mit der Symptome wie
zum Beispiel Atembeschwerden, Husten, Appetitverlust oder
Gewichtsabnahme erfasst werden). Die mediane Überlebenszeit
betrug 7 Monate, die Einjahres-Überlebenswahrscheinlichkeit
25%.(6)
Bei der anderen Studie, die 208 Personen zählte, waren
die Resultate etwas besser, bewegten sich aber – mit
Ausnahme der Ansprechrate, die bei 18% lag – in denselben
Grössenordnungen. (7) An beiden Studien
wird unter anderem kritisiert, dass ein überproportional
hoher Anteil an Adenokarzinomen einbezogen worden ist, dem
am langsamsten wachsenden Tumortyp.
Bei der Erstbehandlung des nicht-kleinzelligen Bronchuskarzinoms
kommt Gefitinib keine Bedeutung zu, wie zwei grosse Doppelblindstudien
erkennen lassen. Jeweils über 1000 Patienten und Patientinnen
mit einem fortgeschrittenen Tumor, bei denen noch keine Chemotherapie
durchgeführt worden war, behandelte man mit einem gängigen
Schema, entweder mit Cisplatin (Platinol® u.a.) plus Gemcitabin
(Gemzar®)(8) oder mit Carboplatin (Paraplatin®
u.a.) plus Paclitaxel (Taxol®).(9)
Dieser Behandlung wurde Gefitinib (250 oder 500 mg täglich)
oder Placebo hinzugefügt. Zwischen den drei Gruppen ergaben
sich keine signifikanten Unterschiede. In den Placebo-Gruppen
verlief die Krankheit sogar eher langsamer als in den Gefitinib-Gruppen.
In den beiden Studien unterschieden sich einzig die Ansprechraten;
die übrigen, relevanteren Grössen waren ähnlich:
so betrug das progressionsfreie Intervall im Median 4,6 bis
6,0 Monate, die Überlebenszeit 8,7 bis 10,9 Monate und
die Einjahres-Überlebensrate 37 bis 44%.
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| Unerwünschte
Wirkungen
ARund die Hälfte der mit Gefitinib Behandelten muss
mit Durchfall rechnen; andere gastrointestinale Nebenwirkungen
sind Übelkeit und Erbrechen sowie ein Anstieg der Leberwerte.
Ebenfalls sehr häufig treten Hautreaktionen wie Exantheme,
akneartige Veränderungen, Hauttrockenheit und Juckreiz
auf. Auch über ophthalmologische Probleme wird berichtet
(Sehstörungen, Konjunktivitis, Kornea-Erosionen u.a.).
Seltene Nebenwirkungen sind Urtikaria, Angioödem, Erythema
multiforme und toxische epidermale Nekrolyse und Arthralgien.
Gemäss experimentellen Untersuchungen kann Gefitinib
die kardiale Repolarisation verzögern (QT-Verlängerung).
In einer Häufigkeit von 1 bis 2% beobachtete man interstitielle
Lungenveränderungen, die in rund einem Drittel tödlich
endeten. Dies weist darauf hin, dass womöglich auch physiologische
Reparaturvorgänge durch Gefitinib beeinträchtigt
werden.
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| Interaktionen
CYP3A4-Hemmer und -Induktoren können zu ausgeprägten
Veränderungen der Gefitinib-Konzentrationen führen.
Gefinitib hat eine leichte hemmende Wirkung auf CYP2C19 und
CYP2D6, was zum Beispiel bei Metoprolol (Lopresor® u.a.),
einem CYP2D6-Substrat, einen leichten Anstieg der Plasmaspiegel
bewirkt.
Zusammen mit oralen Antikoagulantien ist eine regelmässige
INR-Kontrolle angezeigt. Substanzen, die den pH-Wert im Magen
heraufsetzen – Protonenpumpenhemmer, H2-Rezeptorenblocker,
Antazida – können die Resorption von Gefitinib
herabsetzen. Vorsicht ist angezeigt bei der gleichzeitigen
Verabreichung von anderen Substanzen, die das QT-Intervall
verlängern können.
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| Dosierung,
Verabreichung, Kosten
Gefitinib (Iressa®) wird als Tabletten zu 250 mg angeboten,
was der empfohlenen Tagesdosis entspricht. Es ist zugelassen
bei erwachsenen Personen mit nicht-kleinzelligem Bronchuskarzinom,
bei denen bereits zwei verschiedene Chemotherapien erfolgt
sind (üblicherweise eine Erst-Chemotherapie mit einem
Platinderivat und eine Zweit-Chemotherapie mit Docetaxel).
Falls nach vierwöchiger Verabreichung kein Therapieerfolg
messbar ist, sollte Gefitinib gestoppt werden. Eine akute
Verschlechterung pulmonaler Symptome (z.B. Dyspnoe) sollte
den Verdacht auf eine interstitielle Pneumopathie erwecken.
Bei Personen mit manifester Leberkrankheit (z.B. Lebermetastasierung)
ist bei der Anwendung von Gefitinib besondere Vorsicht geboten.
Im Tierversuch hat sich Gefitinib als embryo- bzw. fetotoxisch
erwiesen und verbietet sich deshalb in der Schwangerschaft.
Auch in der Stillzeit ist Gefitinib kontraindiziert. Gefinitib
ist nicht kassenzulässig. Die Behandlung mit 1 Tablette
täglich kostet etwas mehr als 3000 Franken monatlich.
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Kommentar
Das Konzept, über eine Hemmung einer Tyrosinkinase intrazelluläre
Steuerungsprozesse zu stören, hat sich bei Imatinib (Glivec®)
und der chronisch-myeloischen Leukämie als erfolgreich
erwiesen. Es leuchtet ein, dass von einem solchen Konzept
eine wissenschaftliche Faszination ohnegleichen ausgeht. Im
Falle von Gefitinib ist es jedoch bisher nicht gelungen, daraus
überzeugende klinische Erfolge abzuleiten.
Einerseits ist die Wirksamkeit von Gefitinib beim nichtkleinzelligen
Bronchuskarzinom sehr dürftig belegt. Bei der Erstbehandlung
als Zusatz zu einer Chemotherapie mit einem Platinderivat
bietet Gefinitib keinerlei Vorteil, und bei der Drittbehandlung,
wofür Gefinitib offiziell zugelassen ist, basiert der
postulierte Nutzen lediglich auf unkontrollierten Daten. Warum
in den entsprechenden Studien darauf verzichtet wurde, randomisiert
Kontrollgruppen mit «best supportive care» mitzuführen,
ist wenig verständlich. So wurde eine relativ einfache
Möglichkeit, die Aussagekraft der Studien zu verbessern,
verpasst.
Andererseits ist man besorgt über die relativ hohe Zahl
von Todesfällen infolge interstitieller Lungenveränderungen,
die unter Gefitinib vorgekommen sind. Dass Gefitinib trotz
offensichtlicher Mängel die uneingeschränkte Zulassung
erhalten hat, lässt sich als ordentliches Mass an behördlicher
Grosszügigkeit interpretieren.
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| Literatur
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