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(pharma-kritik Jahrgang 17, Nr.8)
Diese Nummer wurde am 21. November 1995 redaktionell abgeschlossen.
Chemie/Pharmakologie
Nicorandil ist ein Nicotinamid-Derivat mit einer Nitratgruppe. Die Substanz hat die Eigenschaften der Nitrate,
wirkt aber zusätzlich als Aktivator der ATP-abhängigen Kaliumkanäle. Die Öffnung der Kaliumkanäle hat
eine Hyperpolarisation der Zellmembran und damit eine Abnahme des intrazellulären Kalziums zur Folge. So wird
eine Relaxation der glatten Muskelzelle und eine Vasodilatation erreicht.
Eine Behandlung mit Nicorandil führt zur Abnahme von Vor- und Nachlast des Herzens. Im Vergleich mit den
bisher bekannten Nitraten hat Nicorandil eine stärkere Wirkung auf die Nachlast und den koronaren Blutfluss. Bei
Ischämie scheint die Öffnung der Kaliumkanäle zudem einen zytoprotektiven Effekt zu bewirken. Hohe
Konzentrationen von Kaliumkanalöffnern haben in Tierversuchen arrhythmogene Eigenschaften gezeigt; beim
Menschen fanden sich aber bisher unter Nicorandil keine ungünstigen Veränderungen der kardialen
Elektrophysiologie.1
Pharmakokinetik
Nach oraler Verabreichung wird Nicorandil gastrointestinal rasch resorbiert. Das Medikament wird präsystemisch
kaum metabolisiert; seine biologische Verfügbarkeit beträgt mindestens 75%. Maximale Plasmaspiegel sind nach
etwa 30 Minuten erreicht. Erfolgt die Einnahme mit dem Essen zusammen, so sind die Spitzenwerte etwas
später festzustellen, gesamthaft wird jedoch die Resorption nicht beeinträchtigt. Für orale Dosen zwischen 5 und
40 mg ergibt sich eine lineare Beziehung zwischen Dosis und Plasmakonzentration.2
Das Medikament wird in der Leber einerseits zu einem inaktiven Alkohol-Metaboliten [N-(2-
Hydroxyethyl)-Nicotinamid], anderseits zu Nicotinamid umgewandelt. Weitere metabolische Schritte
führen zum Teil zur Bildung von Nicotinsäure und verwandten Metaboliten, die sich mit dem Pool von
entsprechenden physiologisch entstandenen Nukleotiden vermischen. Die Plasmahalbwertszeit von Nicorandil
beträgt knapp eine Stunde; bei wiederholter Verabreichung wird etwa 10% verzögert eliminiert. Im Urin findet
sich praktisch kein unverändertes Nicorandil. Die Kinetik des Medikamentes ist daher bei Niereninsuffizienz und
bei älteren Leuten praktisch unverändert. Es ist zur Zeit unklar, ob bei eingeschränkter Leberfunktion eine
Dosisreduktion notwendig ist.2
Klinische Studien
Die Wirksamkeit von Nicorandil bei Angina pectoris ist relativ gut dokumentiert. Mehrere Vergleichstudien liegen
vor.
Von besonderem Interesse sind Vergleiche mit Nitraten: In einer achtwöchigen doppelblinden Crossover-
Studie war Nicorandil (2mal täglich 20 mg) bei 54 Personen mit stabiler koronarer Herzkrankheit und
belastungsabhängiger Angina pectoris gleich wirksam wie Isosorbid-5-mononitrat (z.B.
Corangin®, 2mal täglich 20 mg). Die Wirkung wurde mittels Belastungstests
erfasst, die jeweils zwei Stunden nach Einnahme des Medikamentes durchgeführt wurden. Beide Medikamente
verlängerten die Gesamtbelastungsdauer sowie die Zeit bis zum Auftreten einer ST-Senkung und/oder
pektanginösen Beschwerden gegenüber den Ausgangswerten signifikant und fast im gleichen Ausmass. Auch die
Zahl der Angina-pectoris-Anfälle konnte mit beiden Substanzen ähnlich - durchschnittlich von etwa 7 auf 3
Anfälle pro Woche - gesenkt werden.3
Nicorandil wurde auch mit Isosorbiddinitrat (Sorbidilat® u.a.)
verglichen: 32 Personen mit koronarer Herzkrankheit erhielten Nicorandil, 34 erhielten Isosorbiddinitrat. Beide
Medikamente wurden gleich dosiert: zuerst wurde für vier Wochen 3mal 10 mg täglich und nachher
nochmals für vier Wochen 3mal 20 mg täglich gegeben. Auch in dieser Studie waren die verglichenen
Medikamente gleichwertig; die höhere Dosis erwies sich in beiden Fällen als wirksamer.3
Nicorandil wurde in mehreren Studien mit Betablockern verglichen. Eine Doppelblindstudie umfasste 143
Personen mit stabiler Angina pectoris und dauerte sechs Wochen. In den ersten drei Wochen erhielten die
Patienten entweder 2mal täglich 10 mg Nicorandil oder einmal täglich 50 mg Atenolol (z.B.
Tenormin®). In den folgenden drei Wochen wurde die Dosis der Medikamente
verdoppelt. Die beiden Medikamente hatten eine ähnlich günstige Wirkung auf die Gesamtbelastungsdauer und auf
die Zeit bis zum Auftreten von pektanginösen Beschwerden. Dagegen wurde die Zeit bis zu einer
signifikanten Senkung des ST-Segmentes im EKG von 50 mg Atenolol deutlich besser beeinflusst als von der
niedrigeren Nicorandil-Dosis. Eine gleichwertige Wirkung liess sich erst mit der höheren Nicorandil-
Dosis (2mal 20 mg/Tag) erreichen.4
In einem kleineren, ähnlich strukturierten Vergleich war Nicorandil in Dosen von täglich 2mal 10 bis 20 mg fast so
wirksam wie Propranolol (z.B. Inderal®, 120 bis 240 mg/Tag). Mit den
höheren Dosen dieser Medikamente konnte die Frequenz der Angina-pectoris-Anfälle bei 69 Patienten
durchschnittlich auf etwa ein Drittel gesenkt werden. Belastungstests zeigten jedoch keine verlängerte
Gesamtbelastungsdauer.5
Nicorandil zeigte sich in einer Doppelblindstudie auch ähnlich wirksam wie nicht-retardiertes
Nifedipin(Adalat® u.a.). 58 Personen mit belastungsabhängiger Angina
pectoris wurden während acht Wochen mit Nicorandil (2mal 10 bis 20 mg täglich) oder Nifedipin (2mal 20 mg)
behandelt. Beide Medikamente verlängerten die mögliche Belastungsdauer (um etwa eine Minute) und die Zeit bis
zum Auftreten von pektanginösen Beschwerden oder ST-Senkungen. Die höhere Nicorandil-Dosis war am
wirksamsten; signifikante Unterschiede zwischen den beiden Behandlungsgruppen fanden sich aber nicht. Die Zahl
der Angina-pectoris-Anfälle war individuell sehr unterschiedlich und wurde von Nifedipin nicht verändert; unter
Nicorandil traten durchschnittlich statt 4,3 nur 2,1 Anfälle pro Woche auf.6
Nicorandil ist noch in verschiedenen anderen Studien geprüft und u.a. auch mit Diltiazem
(Dilzem® u.a.) und Molsidomin (Corvaton®)
verglichen worden.
In bezug auf die Wirkungsdauer erlauben die Vergleichsstudien oft nur eine beschränkte Aussage, da die
Belastungstests fast immer zwei Stunden nach Einnahme der Medikamente erfolgten. In mehreren Studien
wurde aber auch (insbesondere für die höhere Nicorandil-Dosis) eine Senkung der Anfallsfrequenz dokumentiert.
Es ist daher anzunehmen, dass die Verabreichung von zwei Dosen täglich genügt. Belastungstests,
die erst 12 Stunden nach der Medikamenteneinnahme erfolgten, ergaben allerdings zum Teil keine
signifikanten Unterschiede zu Placebo.5, 7
Unerwüschte Wirkungen
Kopfschmerzen sind die weitaus häufigste Nebenwirkung von Nicorandil. Zwischen 22 und 48% der in
verschiedenen Studien Behandelten hatten unter den üblichen Nicorandil-Dosen leichte bis starke Kopfschmerzen,
insbesondere am Anfang der Behandlung. Nicorandil führt etwa gleich häufig zu Kopfschmerzen wie z.B.
Isosorbiddinitrat.8
Gesamthaft verursachten Placebos oder aktive Vergleichsmedikamente weniger unerwünschte Wirkungen (etwa
bei 33% der Patienten) als Nicorandil (52%). Rund 9% der Behandelten setzten deshalb Nicorandil ab (aktive
Vergleichsmedikamente: 3%). Ausser Kopfschmerzen wurden beobachtet: Brechreiz/Erbrechen, Magen- oder
Bauchbeschwerden, Schwindel. Nach hohen Einzeldosen ist vereinzelt ein Blutdruckabfall oder gar eine Synkope
beobachtet worden.8
Die häufige Verabreichung von Nitraten führt in der Regel zu Toleranz, d.h. zum Wirkungsverlust. Die bisher
vorliegenden Untersuchungen haben aber keine Hinweise auf eine Toleranzentwicklung unter Nicorandil ergeben.
Das Medikament ist in offenen Studien monatelang wirksam geblieben.1 Auch in der Studie, in der die Patienten das Medikament täglich dreimal erhielten,
stellte sich keine Toleranz ein. Das Vergleichsmedikament Isosorbiddinitrat verursachte aber auch keine
Toleranz.3
Interaktionen
Nicorandil scheint keine Interaktionen pharmakokinetischer Natur zu verursachen. Es kann aber die
blutdrucksenkende Wirkung anderer Medikamente (z.B. von Betablockern) verstärken.
Dosierung, Verabreichung, Kosten
Nicorandil (Dancor®) ist als Tabletten zu 10 und zu 20 mg erhältlich und ist in
der Schweiz kassenzulässig. Zur Behandlung der Angina pectoris sind täglich zwei Dosen zu 10 oder 20 mg
notwendig. Da noch keine entsprechenden Erfahrungen vorliegen, soll das Medikament in Schwangerschaft und
Stillzeit nicht verwendet werden. Eine Behandlung mit 2mal täglich 20 mg Nicorandil kostet CHF 86.20 pro
Monat. Eine ähnlich wirksame Therapie mit einem Betablocker oder mit konventionellen Nitraten ist viel billiger
(Beispiel: Sorbidilat® 100 mg/Tag kostet CHF 30.45 pro Monat).
Kommentar
Ob sich Nicorandil wegen seiner Eigenschaften als Kaliumkanalöffner entscheidend von anderen Nitraten
unterscheidet, lässt sich vorläufig nicht festlegen. Sicher handelt es sich um ein Medikament, das sich in seiner
Wirksamkeit z.B. gut mit Isosorbiddinitrat vergleichen lässt. Bei Angina pectoris ist ein langfristiger Nutzen
hauptsächlich für die Betablocker nachgewiesen; Personen, die Betablocker vertragen, sollten deshalb primär mit
diesen behandelt werden. Nitrate sind als Ergänzung oder als Alternative nützlich; «gewöhnliche» Nitrate sind
jedoch besser dokumentiert und billiger als Nicorandil.
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