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Vitamin
E |

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T.
Koch
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pharma-kritik
Jahrgang 20, Nr.09 |

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Redaktionsschluss:
8. März 1999 |
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Heute wird oft empfohlen, Vitamin-E-Supplemente einzunehmen. Wie gut
ist die Evidenz, dass sich hohe Dosen dieses Vitamins gesundheitlich vorteilhaft
auswirken?
Vitamin E gehört zur Gruppe der fettlöslichen Vitamine. Reich
an Vitamin E sind pflanzliche Öle, Nüsse, Sojabohnen und Getreideprodukte.
Es kommt in der Natur in verschiedenen stereoisomeren Formen vor. D-a-Tocopherol
(Synonym: RRR-a-Tocopherol) ist dabei das häufigste
und biologisch aktivste Stereoisomer. Synthetisch hergestelltes Vitamin
E (Ephynal® u.a.) ist ein Razemat aus 8 Stereoisomeren in äquivalenter
Menge (DL-a-Tocopherol; Synonym: all-rac-a-Tocopherol).
Übliche Masseinheiten sind Milligramm und Internationale Einheiten
(IE). 1 mg des synthetisch hergestellten DL-a-Tocopherolazetat
entspricht 1 IE und 1 mg des natürlich vorkommenden D-a-Tocopherol
entspricht 1,49 IE. In den USA wird empfohlen, Kinder (ab 4 Jahren) und
Erwachsene sollten sich täglich 30 IE Vitamin E zuführen.
Die genaue Bedeutung von Vitamin E im menschlichen Organismus ist noch
nicht völlig geklärt. Es ist aber anzunehmen, dass seiner antioxidativen
Wirkung die grösste Bedeutung zukommt. Die Voraussetzung für
die optimale Resorption von fettlöslichen Vitaminen ist die Anwesenheit
von Galle im Darm. Erworbene Vitamin-E-Mangelerscheinungen treten z.B.
bei intrahepatischer Cholestase oder beim Malabsorptionssyndrom auf. Dabei
werden klinisch meistens neurologische Symptome (Muskelschwäche,
Areflexie und Gangstörungen) beobachtet.
Unerwünschte Wirkungen von Vitamin E treten selten und erst bei
hohen Dosen auf. Am häufigsten sind gastrointestinale Beschwerden,
Brechreiz und Kopfschmerzen. Bei langdauernder Verabreichung von hohen
Vitamin-E-Dosen kann sich ein Vitamin K-Antagonismus mit Blutungsneigung
manifestieren. Dies ist auch bei der Behandlung mit oralen Antikoagulantien
zu beachten.
In vielen experimentellen Studien konnte gezeigt werden, dass
a-Tocopherol die Oxidation von Lipoproteinen
niedriger Dichte («Low Density Lipoproteins» = LDL) hemmt. Oxidierte LDL
sind ein wichtiger Faktor in der Pathogenese der Atherosklerose.
Es wurde postuliert, dass durch eine vermehrte Vitamin E-Zufuhr das Fortschreiten
von Gefässerkrankungen verlangsamt werden könne. Aus diesem
Grunde wurde die Auswirkung von Vitamin E-Supplementen insbesondere bei
der koronaren Herzkrankheit geprüft.
In zwei amerikanischen Kohortenstudien ergab sich die Vermutung,
dass die Einnahme von Vitamin-E-Supplementen das koronare Risiko senkt:
Die eine Studie umfasste etwa 40'000 Männer aus medizinischen Berufen.
Von diesen nahmen etwa 6000 Supplemente ein, die wenigstens 100 IE Vitamin
E enthielten. In dieser Gruppe war das Risiko, an einem Herzinfarkt zu erkranken,
signifikant reduziert. Für Männer, die die erwähnte Dosis während
mindestens 2 Jahren einnahmen, war das koronare Risiko gegenüber denjenigen,
die keine Vitamin-E-Supplemente nahmen, um 37% niedriger.
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1.
Rimm EB et al. N Engl J Med 1993; 328: 1450-6
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Eine ähnliche Studie bei rund 90'000 Krankenschwestern ergab ein analoges
Resultat: Frauen, die während mindestens 2 Jahren Vitamin-E-Supplemente
einnahmen, hatten ein reduziertes Herzinfarkt-Risiko.
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2.
Stampfer MJ et al. N Engl J Med 1993; 328: 1444-9
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In einer weiteren Kohortenstudie bei etwa 11'000 Personen über 67 Jahren
hatten diejenigen, welche Vitamin-E-Supplemente einnahmen, scheinbar deutliche
Vorteile: im Vergleich mit Personen, die keinerlei Vitamin-Supplemente nahmen,
war ihre koronare und gesamte Mortalität stark reduziert.
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3.
Losonczy KG et al. Am J Nutr 1996; 64: 190-6
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Ausserdem liess die nachträgliche Analyse einer Untergruppe einer anderen
Studie, in der in erster Linie die Wirkung von lipidsenkenden Medikamenten
untersucht wurde, ebenfalls auf eine günstige Wirkung von Vitamin E schliessen:
Bei 29 Männern, die täglich Vitamin E in einer Dosis von 100 IE
oder mehr nahmen, fand sich in nach 2 Jahren wiederholten Koronarangiographien
eine signifikant geringere Progression koronarer Läsionen als bei 127
Patienten, die weniger oder kein zusätzliches Vitamin E einnahmen.
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4.
Hodis HN et al. JAMA 1995; 273: 1849-54
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Wesentlich weniger beeindruckend sind die Resultate randomisierter
Studien:
In der «Cambridge Heart Antioxidant Study» erhielten 2000 Personen
(15% Frauen) mit angiographisch nachgewiesener Koronarkrankheit doppelblind
entweder D-a-Tocopherol
(Kapseln mit Sojaöl) oder Placebo. Zu Beginn der Studie betrug
die verwendete Tagesdosis 800 IE a-Tocopherol.
Später, für etwa die Hälfte der Behandelten, wurde die Vitamin-E-Dosis
auf 400 IE täglich reduziert. Während einer medianen Beobachtungszeit
von 510 Tagen hatten in der Vitamin-E-Gruppe nur 14, in der Placebo-Gruppe
jedoch 41 Personen einen nicht-tödlichen Herzinfarkt, ein hochsignifikanter
Unterschied. Die kardiovaskuläre und die gesamte Mortalität
war dagegen in der Vitamin-E-Gruppe (nicht-signifikant) höher als in
der Placebo-Gruppe. In der Vitamin-E-Gruppe starben insgesamt 36, in der Placebo-Gruppe
27.
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5.
Stephens HG et al. Lancet 1996; 347: 781-6
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In einer grossen finnischen Doppelblindstudie (ATBC-Studie) erhielten
Raucher DL-a-Tocopherol (50 IE/Tag), b-Carotin
(20 mg/Tag), beide Vitamine kombiniert oder Placebo. In einem Teil dieser
Studie wurden 1'862 Raucher erfasst, die einen Herzinfarkt durchgemacht
hatten. Die mediane Beobachtungszeit betrug etwas mehr als 5 Jahre. Es ereigneten
sich insgesamt 424 koronare Ereignisse (Infarkt-Rezidive), 234 davon führten
zum Tode. Zwischen den vier verschiedenen Gruppen ergaben sich keine signifikanten
Unterschiede bezüglich der Gesamtzahl an Herzinfarkten. Koronare
Todesfälle waren in der Placebo-Gruppe mit 39 Fällen weniger
häufig als in den anderen Gruppen; der Unterschied gegenüber der
b-Carotin-Gruppe (74 Todesfälle) und der kombiniert
behandelten Gruppe (67 Todesfälle) ist signifikant.
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6.
Rapola JM et al. Lancet 1997; 349: 1715-20
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In einer multizentrischen Doppelblindstudie bei 341 Alzheimer-Kranken wurde
DL-a-Tocopherol mit Selegilin
(Jumexal®) und Placebo verglichen. Vier ungefähr gleich grosse
Gruppen erhielten täglich 2mal 1000 IE DL-a-Tocopherol
oder 2mal 5 mg Selegilin oder beide Medikamente kombiniert bzw. Placebo. Die
Behandlung wurde zwei Jahre lang durchgeführt. Die wichtigsten Endpunkte
waren Tod, Pflegeheimeinweisung, Verlust der Fähigkeit zur Verrichtung
von Alltagsaufgaben und ein hoher Demenzgrad. Nach diesen Kriterien ergaben
sich primär keine signifikanten Unterschiede zwischen den verschiedenen
Gruppen. Die mediane Überlebenszeit betrug unter Placebo knapp 18 Monate;
unter aktiver Therapie war sie (nicht-signifikant länger) 19 bis 21 Monate.
Aus der Gruppe, die Vitamin E allein erhielt, mussten weniger Kranke in ein
Pflegeheim eingewiesen werden (26%) als z.B. aus der Placebo-Gruppe (39%).
Nur wenn der mittels «Mini Mental State Examination» initial festgestellte
Demenzgrad miteinbezogen wurde, konnte für die mit Vitamin E oder Selegilin
Behandelten ein signifikanter Vorteil errechnet werden.
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7.
Sano M et al. N Engl J Med 1997; 336: 1216-22
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| Neuroleptika-bedingte Spätdyskinesie
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In einer kleinen Doppelblindstudie wurden 35 Patienten mit Neuroleptika-bedingter
Spätdyskinesie für zwei Monate randomisiert mit täglich
800 IE Vitamin E oder Placebo behandelt. In der Vitamin-E-Gruppe fand sich
gegenüber dem Ausgangsbefund eine Besserung der extrapyramidal-motorischen
Störungen; im Vergleich mit der Placebo-Gruppe konnte jedoch kein signifikanter
Unterschied festgestellt werden.
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8.
Lohr JB, Caligiuri MP. J Clin Psychiatry 1996; 57: 167-73
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In einer Metaanalyse wurden 12 Doppelblindstudien ausgewertet, in
denen insgesamt 223 Patienten mit Spätdyskinesie Vitamin E in Tagesdosen
zwischen 400 und 1'600 IE verabreicht worden war. Bei knapp 30% der Behandelten
konnte eine gewisse Besserung erreicht werden.
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9.
Barak Y et al. Ann Clin Psychiatry 1998; 10: 101-5
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In der bereits erwähnten finnischen ATBC-Studie, die insgesamt fast
30'000 Raucher umfasste, wurde auch der Einfluss von Vitamin E auf die Inzidenz
von Prostatakarzinomen untersucht. Etwa die Hälfte der Teilnehmer erhielt
täglich 50 IE DL-a-Tocopherol. Die mediane
Beobachtungszeit betrug rund 6 Jahre. In diesem Zeitraum hatten die mit Vitamin
E Behandelten ein Drittel weniger klinisch manifeste Prostatakarzinome
als die Männer, die kein Vitamin E erhielten. Auch die Prostatakarzinom-Mortalität
war unter Vitamin E um 41% geringer als bei den Männern, die das Vitamin
nicht erhielten.
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10.
Heinonen OP et al. J Natl Cancer Inst 1998; 18: 440-6
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In einer Doppelblindstudie wurden 42 Patienten mit rheumatoider Arthritis
zusätzlich zu ihrer antirheumatischen Therapie während 12 Wochen
mit Vitamin E (2mal 600 IE/Tag) oder Placebo behandelt. Entzündungszeichen
(Labor und Klinik) wurden von Vitamin E nicht beeinflusst, hingegen hatten
die Personen in der Vitamin-E-Gruppe etwas weniger Schmerzen.
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11.
Edmonds SE et al. Ann Rheum Dis 1997; 56: 649-55
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In einer weiteren Doppelblindstudie war Vitamin E (1800 IE/Tag) bei
85 Kranken mit rheumatoider Arthritis scheinbar ähnlich wirksam wie Diclofenac
(Voltaren® u.a.).
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12.
Wittenborg A et al. Z Rheumatol 1998; 57: 215-21
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Bei 50 Personen mit aktivierter Arthrose wurde Vitamin E (400 IE/Tag)
doppelblind mit Placebo verglichen. Die Vitamin-Behandlung während 6
Wochen ergab eine signifikant bessere Wirkung auf die Schmerzen als Placebo.
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13.
Blankenhorn G. Z Orthop 1986; 124: 340-3
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In einer grossen randomisierten Multizenterstudie (DATATOP-Studie), die 800
Personen mit einem frühen Stadium einer Parkinson-Krankheit umfasste,
konnte keine Wirkung von Vitamin E (2000 IE DL-a-Tocopherol
täglich) nachgewiesen werden.
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14.
The Parkinson Study Group. N Engl J Med 1993; 328: 176-83
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In der bereits mehrfach erwähnten ATBC-Studie wurden die Daten zusätzlich
im Hinblick auf Kataraktoperationen analysiert. Raucher, die Vitamin-E-Supplemente
einnahmen, mussten sich gleich häufig einer Kataraktoperation unterziehen
wie jene, die kein Vitamin E erhielten.
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15.
Teikari JM et al. J Epidemiol Community Health 1998; 52: 468-72
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Die bisher vorliegenden Daten zu Vitamin E lassen noch viele Fragen offen.
Wohl gibt es Hinweise auf einen möglichen Nutzen im kardiovaskulären
Bereich, vielleicht auch bei weiteren Erkrankungen. Diese beruhen aber
zum Teil auf Studien mit beschränkter Aussagekraft. Dass die kardiovaskuläre
Mortalität in den randomisierten Studien unter Vitamin E höher
war als in den Vergleichsgruppen, stimmt nachdenklich.
Da in den Studien sehr unterschiedliche Dosierungen verwendet wurden
(zwischen 50 und 2000 IE täglich), ist praktisch keine vernünftige
Aussage zu einer allenfalls wünschenswerten Tagesdosis möglich.
Weitere, gute Studien sind notwendig, insbesondere bei koronarer Herzkrankheit.
Mehr Klarheit ist auch erwünscht im Zusammenhang mit den Befunden
zu neurologischen Erkrankungen, Prostatakarzinom und Gelenkleiden.
Was sich nach heutigem Wissen mit Änderungen der Lebensweise (Nichtrauchen,
gemüse- und früchtereiche Ernährung, genügend körperliche
Aktivität) erreichen lässt, übertrifft einen allfälligen
Vitamin-E-Nutzen wahrscheinlich bei weitem. Eine routinemässige Verabreichung
von Vitamin-E-Supplementen kann zurzeit nicht empfohlen werden.