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| Kinetik für die Praxis: Verteilungsvolumen und Clearance | Propacetamol |
(pharma-kritik Jahrgang 18, Nr.11)
Diese Nummer wurde am 3. März 1997 redaktionell abgeschlossen.
Es gibt Begriffe der Pharmakokinetik, die man scheinbar in der Praxis nicht benötigt, denen man aber doch immer wieder begegnet. Dazu gehören die beiden Grössen «Verteilungsvolumen» und «Clearance», die zu den Basisinformationen gehören, die uns zur Pharmakokinetik eines Medikamentes geliefert werden. Im folgenden Text sollen Definition und Bedeutung dieser beiden grundlegenden kinetischen Grössen näher erläutert werden.
Verteilungsvolumen
Das Verteilungsvolumen (VD) entspricht nicht einem realen Volumen. Vielmehr ist es diejenige
kinetische Grösse, welche den Blut- oder Plasmaspiegel mit der im Körper vorhandenen
Gesamtmenge des Medikamentes in Zusammenhang bringt. Die entsprechende Gleichung lautet:
Gesamtmenge des Medikamentes im Körper VD = --------------------------------------- Blut- oder Plasmakonzentration
Wozu dient das Verteilungsvolumen?
Praktisch wichtig ist das Verteilungsvolumen dann, wenn man die Dosis bestimmen will, mit der man möglichst rasch
einen gewünschten Wirkspiegel erreichen kann. Diese initial zu verabreichende Dosis (Sättigungsdosis D, «loading
dose») ist unter anderem vom Verteilungsvolumen gegeben.
Um zum Beispiel von einem Medikament mit einem Verteilungsvolumen (VD) von 20 l rasch einen
Plasmaspiegel (C) von 10 mg/l zu erhalten, muss soviel Medikament verabreicht werden, dass sich diese Konzentration
durch «Verteilung» auf 20 l ergibt. Nach der Formel
D = VD x C
lässt sich für das Beispiel eine Sättigungsdosis von 200 mg errechnen. Eine Sättigungsdosis kann dann von Nutzen
sein, wenn ein Medikament eine lange Halbwertszeit besitzt, da es 4 bis 5 Halbwertszeiten dauert, bis ein
Fliessgleichgewicht (der «steady-state-Spiegel») erreicht ist. Beispiele: Amiodaron, Teicoplanin
(Targocid®), Theophyllin. Anderseits sollten errechnete Sättigungsdosen im allgemeinen mit grosser
Vorsicht angewandt werden. Oft ist es vorzuziehen, den gewünschten Plasmaspiegel langsam, unter sorgfältiger
Beobachtung allfälliger Nebenwirkungen, anzustreben.
Im übrigen ist das Verteilungsvolumen auch von Bedeutung, da es zusammen mit der Clearance (siehe unten) die
Eliminationshalbwertszeit determiniert.
Tempo der Verteilung vom Blut in die Gewebe
Kurz nach der Verabreichung ist ein Arzneimittel praktisch nur im Blutvolumen verteilt. Die Geschwindigkeit und das
Ausmass der Verteilung in andere Gewebe hängt von der Durchblutung der verschiedenen Gewebe ab sowie von den
Bindungskräften, mit denen ein bestimmtes Gewebe das Arzneimittel festzuhalten vermag. So ist beispielsweise das
Gehirn sehr gut durchblutet, weshalb Medikamente sehr rasch auch im Gehirn verteilt werden. In weniger intensiv
durchbluteten bzw. weniger gut zugänglichen Geweben wie Muskel- oder Fettgewebe erfolgt die Verteilung langsamer.
Je nachdem, in welchen Geweben sich die Wirkungen eines Arzneimittels manifestieren, können diese Mechanismen
zu unterschiedlichen Effekten führen:
Bei der Anwendung von Diazepam (Valium® u.a.) bei Status epilepticus ist die Kinetik der
Plasmaspiegel und der antikonvulsiven Wirkung weitgehend synchron: dank einer raschen Verteilung im Gehirn
verlaufen die Konzentrationen im Hirngewebe und damit der Wirkung den Plasmaspiegeln parallel. Infolge
Umverteilung kommt es jedoch anschliessend zu einem deutlichen Abfall der Plasma- und Gehirnspiegel (und einer
Abnahme der antiepileptischen Wirkung). Trotz der langen Plasmahalbwertszeit von Diazepam ist deshalb eine
zuverlässige antikonvulsive Wirkung schon nach 3 bis 4 Stunden nicht mehr gewährleistet.
Im Gegensatz dazu wird nach einer Digoxin-Injektion erst relativ spät eine wirksame Konzentration im
Herzmuskelgewebe erreicht. Mit anderen Worten: die Wirkung am Herzen nimmt zu einer Zeit zu, zu der die
Plasmakonzentrationen wieder abnehmen. In den ersten sechs Stunden nach der Digoxin-Verabreichung (parenteral
oder oral) besteht dagegen keine sinnvolle Relation zwischen Plasmaspiegel und kardialer Wirkung.
Clearance
Die Clearance eines Arzneimittels gibt Auskunft darüber, wie effizient das Arzneimittel irreversibel aus dem Körper
ausgeschieden wird. Unter Ausscheidung wird dabei die Exkretion des unveränderten Medikamentes via Urin, Stuhl,
Atemluft usw. oder die metabolische Umwandlung des Medikamentes in andere chemische Verbindungen verstanden.
Der Metabolismus erfolgt in den meisten Fällen in der Leber, manchmal aber auch in anderen Organen. Der Begriff
Clearance bezieht sich grundsätzlich auf eine einzelne Substanz und berücksichtigt nicht, ob der untersuchten Substanz
oder allenfalls den Metaboliten pharmakologische Aktivität zukommt.
Wie bei der Kreatininclearance wird die Arzneimittel-Clearance durch das Blutvolumen definiert, das pro Zeiteinheit
von der Substanz «gereinigt» wird. Man kann die Clearance auf ein bestimmtes Organ beziehen («renale» oder
«hepatische» Clearance). In der Regel wird die Gesamtkörper-Clearance angegeben.
Ein Beispiel: Wenn die Leberdurchblutung 1500 ml/min beträgt und die hepatische Clearance eines Arzneimittels 500
ml/min, so bedeutet dies, dass bei einer Leberpassage jeweils ein Drittel der «zufliessenden»
Arzneimittelmenge aus dem Blut entfernt wird.
Die hepatische Clearance ClH lässt sich folgendermassen berechnen:
(a-v) ClH = Q x ----------------- a
(a-v) ------ a
Bedeutung der Clearance
Die Clearance Cl ist die kinetische Grösse, welche die Erhaltungsdosis im Fliessgleichgewicht (Dauertherapie)
bestimmt. Die pro Zeiteinheit notwendige Dosis kann nach der folgenden Formel berechnet werden:
Dosisrate (mg/Zeiteinheit) = C (mg/l) x Cl (l/Zeiteinheit)
Unter Plasmakonzentration C ist hier der gewünschte mittlere Plasmaspiegel im Fliessgleichgewicht zu verstehen. Wie
leicht zu erkennen, ist also für eine bestimmte Dosisrate die Plasmakonzentration der Clearance umgekehrt
proportional: wenn z.B. die Clearance auf die Hälfte reduziert wird, verdoppelt sich die Plasmakonzentration. Der hier
beschriebene Zusammenhang gilt allerdings nur für Substanzen, die im praktisch bedeutsamen Bereich eine lineare
Kinetik aufweisen.
Die Clearance kann auch nach einer einzigen intravenösen Dosis berechnet werden, indem nach der Verabreichung
mittels häufiger Plasmaspiegel-Bestimmungen die «Area Under the Curve» (AUC) bestimmt wird. Die Clearance
entspricht dann dem Quotienten aus Dosis und AUC:
Dosis
Cl = -------
AUC
Aus Clearance und Verteilungsvolumen lässt sich die Eliminationshalbwertszeit t½ approximativ ausrechnen:
0,693 x VD t½ = ------------- Cl
Die Formel macht deutlich, dass die Eliminationshalbwertszeit keine Konstante darstellt, sondern von alters- oder krankheitsbedingten Veränderungen der beiden Grundgrössen Verteilungsvolumen und Clearance beeinflusst wird. Wenn z.B. die Clearance infolge einer Krankheit abnimmt, so lässt sich vermuten, die Eliminationshalbwertszeit t½ nehme zu. Dies trifft jedoch nur zu, wenn das Verteilungsvolumen nicht auch krankheitsbedingt ändert.
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