|
(pharma-kritik Jahrgang 17, Nr.13)
Diese Nummer wurde am 13. März 1996 redaktionell abgeschlossen.
Benzoylperoxid
Benzoylperoxid, ein starkes Oxidationsmittel, wirkt bakteriostatisch und leicht keratolytisch. Die
antibakterielle Wirkung beruht auf der Oxidation bakterieller Proteine.
Da Benzoylperoxid in den meisten Ländern «über die Ladentheke» erhältlich ist und Jugendliche
benzoylperoxidhaltige Produkte sehr oft benützen, ist die Frage einer möglichen Kanzerogenität mehrfach
diskutiert worden. Eine kürzlich publizierte Analyse epidemiologischer Studien und Tierversuchen zeigt erneut,
dass diese Befürchtungen nicht begründet werden können.3
Die wichtigsten Nebenwirkungen beschränken sich auf lokale Reaktionen (Brennen, Rötung, Schuppung).
Eine Allergie (Kontaktdermatitis) kann sich bei etwa 1-3% der Patienten entwickeln. Die Erhöhung der
Konzentration scheint mit einer Zunahme an unerwünschten Wirkungen, nicht aber mit einem therapeutischen
Gewinn verbunden zu sein: In drei Doppelblindstudien waren drei Konzentrationen (2,5%, 5% und 10%) einerseits
mit dem Vehikel und anderseits untereinander verglichen worden. Es zeigte sich, dass die entzündlichen Läsionen
im Vergleich zum Vehikel mit allen drei Konzentrationen gleich gut gelindert werden konnten. Schuppenbildung,
Erythem und Brennen waren dagegen mit den niedriger dosierten Präparaten weitaus weniger häufig als mit der
zehnprozentigen Formulierung.4
Benzoylperoxid wird bei Komedonenakne und bei entzündlichen Pusteln und Papeln ein- bis zweimal täglich
angewendet. Zu Beginn wird die kleinste Konzentration (z.B. 3%) gewählt, die dann allmählich erhöht werden
kann. In Schwangerschaft und Stillzeit wird Benzoylperoxid besser vermieden. Die Patienten müssen darauf
aufmerksam gemacht werden, Benzoylperoxid-haltige Produkte nicht in der Nähe der Augen und des Mundes
aufzutragen und dass die Substanz Haare und Textilien bleichen kann.
Antibiotika
Zur lokalen antibiotischen Behandlung der Akne sind in der Schweiz Erythromycin (z.B.
Staticin®) und Clindamycin (Dala-cin®T) erhältlich. Die Wirkung dieser
Substanzen beruht auf einer Hemmung von Propionibacterium acnes im Talgdrüsenfollikel. In vitro ist ferner für
beide Agentien ein hemmender Einfluss auf die Bakterienlipase, die chemotaktisch wirkt, nachgewiesen worden.
Gegenüber Placebo haben sich beide Antibiotika als signifikant wirksamer erwiesen, und mit beiden
Medikamenten lassen sich entzündliche Läsionen etwa gleich gut behandeln wie mit
Benzoylperoxid.5 In zwei randomisierten Vergleichen zwischen Benzoylperoxid (5%) und
einem der beiden Antibiotika (Erythromycin 1,5% oder Clindamycin 1%) ergaben sich neben der Äquivalenz bei
entzündlichen Läsionen zudem folgende Resultate: Benzoylperoxid hatte einen signifikant günstigeren Einfluss auf
Komedonen als Clindamycin oder Erythromycin. Die Gesamtheit aller Läsionen konnte nach drei Monaten mit
Benzoylperoxid signifikant besser beeinflusst werden als mit Clindamycin; nicht-entzündliche Hautläsionen
liessen sich mit Benzoylperoxid, nicht aber mit Erythromycin vermindern.6, 7 Bei beiden Antibiotika muss mit resistenten Keimen gerechnet werden (siehe Abschnitt über
orale Antibiotika).
Antibiotische Crèmes und Lösungen sollten zweimal täglich auf das ganze Gesicht aufgetragen werden.
Sie eignen sich zur Behandlung einer leichten entzündlichen Akne. Die unerwünschten Wirkungen sind meist
lokaler Natur und in der Regel weniger heftig als unter Benzoylperoxid; unter Clindamycin ist in seltenen Fällen
über eine pseudomembranöse Kolitis berichtet worden. Erythromycin gilt als die sicherste lokale
Behandlungsmöglichkeit während der Schwangerschaft.
Azelainsäure
Azelainsäure, eine aliphatische, gesättigte Dikarbonsäure, ist in Form einer 20%igen Crème
(Skinoren®) erhältlich. In dieser Form wirkt Azelainsäure hemmend auf die bakterielle
Proteinbiosynthese und die Keratinozytenproliferation. Eine Resistenzentwicklung von Propionibacterium acnes ist
bis anhin nicht beobachtet worden.
In kontrollierten Doppelblind-Vergleichen konnte gezeigt werden, dass Azelainsäure bei Komedonen und bei
papulopustulöser Akne wirksamer ist als eine Placebobehandlung. Bei Patienten mit Komedonenakne war
Azelainsäure ähnlich wirksam wie lokal appliziertes Tretinoin (0,05%). In einen Vergleich mit Benzoylperoxid
(5%) waren nur Patienten mit entzündlicher papulopustulöser Akne einbezogen worden: Nach sechs Monaten
hatten sich unter Benzoylperoxid bei 70% der Patienten die Läsionen um mehr als die Hälfte zurückgebildet, unter
Azelainsäure bei 66%. Bei Komedonenakne und papulopustulöser Akne erwiesen sich Azelainsäure und
Erythromycin (2%) als gleich gut wirksam. Mit oralem Tetracyclin (0,5 bis 1,0 g/Tag) ist Azelainsäure bei
Patienten mit papulopustulöser Akne und auch nodulozystischer Akne verglichen worden: Die Arzneimittel
wurden nach sechs Monaten Behandlung als gleichwertig beurteilt.8
Etwa 10% der Patienten klagen unter Azelainsäure während den ersten 4 Behandlungswochen über Brennen,
Schuppung der Haut, Juckreiz und Erythem. Diese Irritationen scheinen weniger häufig vorzukommen als unter
Benzoylperoxid oder Tretinoin. Bis eine sichtbare Verbesserung der Akne erreicht ist, dauert es in der Regel 1 bis
2 Monate. Die Crème soll zweimal täglich während etwa 3 Minuten rund um die Läsionen leicht einmassiert
werden. Über die Anwendung von Azelainsäure in Schwangerschaft und Stillzeit sind keine Daten verfügbar. Die
Herstellerin empfiehlt, Azelainsäure nicht länger als 12 Monate anzuwenden.
Retinoide
Tretinoin (All-Trans-Retinsäure, z.B. Retin®A) und sein Stereo-isomer Isotretinoin sind synthetische,
zu Karbonsäuren oxidierte Analoga von Vitamin A. Motretinid (Tasmaderm®) unterscheidet sich
zusätzlich durch die Aromatizität des Retinol-spezifischen Hexenringes. Werden diese als «Retinoide»
bezeichneten Substanzen lokal appliziert, erhöht sich die mitotische Aktivität der follikulären Epithelzellen und
das dicht gepackte verhornte Material lockert sich auf. Die Komedonenbildung wird unterdrückt.5
Isotretinoinsteht erst seit kurzem als lokale Behandlungsmöglichkeit (0,1%, Roaccutan®
Gel) zur Verfügung. In einer placebokontrollierten Doppelblindstudie, an der 268 Akne-Patienten beteiligt waren,
konnte gezeigt werden, dass entzündliche Läsionen nach 5 Wochen und nicht-entzündliche Läsionen nach 8
Wochen Behandlung signifikant vermindert werden können.9
Werden die Wirkungen von Isotretinoin mit Tretinoin verglichen, ergeben sich kaum Differenzen: In einer
kleinen Doppelblindstudie konnte mit beiden Medikamenten (je 0,05%) eine gleichwertige, signifikante Reduktion
von Pusteln und Papeln erreicht werden.10 Es erstaunt, dass die
Komedonenakne von den zwei Retinoiden nur tendenziell beeinflusst wurde, denn nur für diese leichte
Form der Akne sehen die Autoren einer Vergleichsstudie von Isotretinoin und Benzoylperoxid einen möglichen
Nutzen von Isotretinoin. In diesem Doppelblind-Vergleich war mit Benzoylperoxid schon nach 4 Wochen eine
signifikante Reduktion der entzündlichen Akneläsionen eingetreten, während mit Isotretinoin eine gleichwertige
Wirkung erst nach 12 Wochen erzielt werden konnte. Bei der Komedonenakne ergab sich in dieser Studie mit
beiden Medikamenten eine gleich gute Wirkung.11
Motretinid (0,1%) ist in einer kontrollierten Studie mit Tretinoin (0,05%) verglichen worden. Dabei waren
die beiden Medikamente ungefähr gleich gut wirksam gegen Pusteln und Papeln. Die Zahl der Komedonen
konnte weder mit Tretinoin noch mit Motretinid signifikant reduziert werden. Motretinid verursachte deutlich
weniger Hautirritationen als Tretinoin.12
Lokal applizierte Retinoide können Erytheme, Hautschuppung, Hyper- oder Hypopigmentationen verursachen. Da
Retinoide eine leichte Verdünnung des Stratum corneum bewirken, ist die Gefahr eines Sonnenbrands
erhöht (Anwendung über Nacht, Sonnenschutz am Tag). Die Wirkung tritt nach 6 bis 12 Wochen ein, zudem muss
bei Beginn der Therapie mit einer Verschlechterung der Akne gerechnet werden. Die Wirkungen von
Benzoylperoxid und Retinoiden können bei gleichzeitiger Anwendung aufgehoben werden. Wegen des
embryotoxischen Potentials sind Retinoide in Schwangerschaft und Stillzeit zu vermeiden.
Copyright © 1996 Infomed-Verlags-AG