| MIRTAZAPIN
Mirtazapin ist ein tetrazyklisches
Antidepressivum, das im Gehirn vor allem die noradrenerge
und serotoninerge Aktivität erhöht.
Es ist strukturell mit Mianserin nahe verwandt.
Häufige Mirtazapin-Nebenwirkungen sind Sedation,
Appetit- und Gewichtszunahme, Schwindel, Mundtrockenheit
und Obstipation.
Übersichten:
Hennemann
A. pharma-kritik 2000; 22: 11-2
Holm KJ, Markhalm A. Drugs 1999; 57: 607-31 [Medline]
Markennamen:
Mirtazapin = Remeron®, Mianserin = Tolvon®
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Hepatotoxizität
Eine 54-jährige Frau, die seit drei Jahren Mirtazapin
(30 mg pro Tag) erhielt, wurde mit einem Ikterus hospitalisiert.
Ihr Bilirubinspiegel betrug 491 µmol/l; die Leberenzyme
waren mässiggradig erhöht, der Albuminspiegel
leicht erniedrigt und die Prothrombinzeit verlängert.
Die Patientin nahm keine anderen Medikamente und trank nur
wenig Alkohol. Es konnte weder eine infektiöse oder
autoimmune Hepatitis noch eine Speicherkrankheit nachgewiesen
werden. Bei der Sonographie präsentierten sich Leber
und Gallenwege normal. Eine Leberbiopsie ergab eine leichte
Entzündung mit makrovesikulären Fetteinlagerungen.
Mirtazapin wurde gestoppt, worauf sich die Leberwerte im
Verlauf von fünf Monaten allmählich normalisierten.
Fast das gleiche Bild lieferten die Abklärungen bei
einer anderen, 49-jährigen Frau, bei der ein Ikterus
aufgetreten war. Sie stand seit einem Jahr unter einer Therapie
mit Mirtazapin (45 mg/Tag). Nachdem man das Antidepressivum
abgesetzt hatte, dauerte die Verschlechterung der Leberfunktion
noch zwei Wochen lang an; erst nach drei Monaten war wieder
der Normalzustand erreicht.
Hui CK et al. J Clin Gastroenterol 2002; 35: 270-1 [Medline]
Pankreatitis
Eine 30-jährige Frau klagte über Übelkeit
und Schmerzen im Oberbauch. Ausser einem gespannten Abdomen
lieferte die körperliche Untersuchung keinen abnormen
Befund. Im Blut fiel eine stark erhöhte Amylase- und
Lipaseaktivität von 990 bzw. 1750 U/l auf; die übrigen
Laborwerte waren normal. Sonographisch entdeckte man ein
leicht vergrössertes Pankreas mit einer Flüssigkeitsansammlung
im Pankreasschwanz. Radiologisch waren weder Steine noch
Sludge in den Gallenorganen nachweisbar. Wie die Anamnese
ergab, wurde die Patientin seit zwei Jahren mit Mirtazapin
(15 mg/Tag) behandelt; andere Medikamente oder Alkohol nahm
sie nicht ein. Sie erholte sich, und die Behandlung mit
Mirtazapin wurde beendet.
Lankisch PG, Werner HM. Pancreas 2003; 26: 211 [Medline]
Eine 44 Jahre alte Patientin suchte die Notfallstation
auf, weil sie plötzlich an stechenden epigastrischen
Schmerzen sowie an Übelkeit und Erbrechen litt. Wegen
einer Depression und einer Zwangserkrankung nahm sie seit
sieben Jahren Sertralin (Gladem®, Zoloft®) und Diazepam
(Valium® u.a.), seit zwei Monaten ergänzt durch
Mirtazapin (45 mg/Tag). Die stark adipöse Frau hatte
ein diffus gespanntes Abdomen und verminderte Darmgeräusche.
Die Labortests, die fünf Jahre zuvor alle normal gewesen
waren, zeigten eine metabolische Azidose, eine Leukozytose
(14'700/µl), einen stark erhöhten Blutzucker
(22,4 mmol/l) sowie erhöhte Lipidwerte. Die Transaminasen
waren mässig, die Amylase und die Lipase deutlich erhöht;
im Urin konnten Glukose und Ketonkörper nachgewiesen
werden. Es wurden damit die Diagnosen einer akuten Pankreatitis
und einer diabetischen Ketoazidose gestellt. Bei der Computertomographie
fand sich ein entzündlich verändertes Pankreas
mit peripankreatischer und retroperitonealer Flüssigkeit,
jedoch keine Nekrose oder Gallensteine. Unter einer intensivmedizinischen
Behandlung und Verabreichung von Insulin und Gemfibrozil
(Gevilon®) erholte sich die Patientin und konnte nach
zweieinhalb Wochen entlassen werden. Alle vorgängig
verschriebenen Mittel ausser Mirtazapin waren wieder eingesetzt
worden. Bei der Nachkontolle nach zwei Monaten lagen Pankreasenzyme,
Lipidwerte und Blutzucker im Normbereich.
Chen JL et al. Pharmacotherapy 2003; 23: 940-4 [Medline]
Harninkontinenz
Ein 48-jähriger Mann litt an einer Depression mit
Suizidgedanken. Da die bisher verordneten Antidepressiva
Venlafaxin (Efexor®) und Trazodon (Trittico®) zu
wenig geholfen hatten, wechselte man auf Mirtazapin. Mit
der Dosissteigerung von Mirtazapin klagte der Patient über
eine zunehmende Enuresis, die unter der maximalen Dosis
von 45 mg/Tag täglich auftrat. Die Laborbefunde waren
unauffällig. Die Enuresis verschwand erst, als man
von Mirtazapin auf Citalopram (Seropram® u.a.) umstellte.
Kunwar A et al. J Clin Psychiatry 2002; 63: 454 [Medline]
«Restless legs»
Ein 45-Jähriger, der an einer Depression erkrankt
war und Mirtazapin einnahm, berichtete unter der Dosis von
30 mg/Tag über Parästhesien in den Beinen, die
ihn beim Einschlafen plagten. Es wurde eine Polysomnographie
durchgeführt, die einerseits ein gestörtes Schlafmuster
zeigte, andererseits die Verdachtsdiagnose eines «Restless-legs»-Syndroms
bestätigte. Es wurde Clonazepam (Rivotril®) eingesetzt,
womit sich sowohl der Schlaf als auch die Parästhesien
besserten.
Aðargün MY et al. J Clin Psychiatry 2002; 63:
1179 [Medline]
Dystonie
Bei einem 63 Jahre alten Mann trat plötzlich eine
Dystonie auf mit langsamen und unregelmässigen Myoklonien
oder Zuckungen der Arm-, Nacken- und Brustmuskulatur. Die
Sehnenreflexe waren normal auslösbar; ein Kraft- oder
Sensibilitätsdefizit bestand nicht. Seit zehn Tagen
wurde der Mann mit Mirtazapin (15 mg/Tag) behandelt. Die
Laboruntersuchungen ergaben keinen pathologischen Blutbefund;
im Urin konnten Opiate, aber keine anderen Drogen nachgewiesen
werden (er hatte zuletzt vor drei Tagen Heroin geschnupft).
Mirtazapin wurde gleich bei Eintritt gestoppt, und drei
Tage später hatten sich die Symptome vollständig
zurückgebildet.
Lu R et al. J Clin Psychiatry 2002; 63: 452-3 [Medline]
Akathisie
Einem 52–Jährigen verschrieb man Mirtazapin
(30 mg/Tag), da mit verschiedenen anderen Antidepressiva
infolge sexueller Nebenwirkungen keine befriedigende Compliance
erzielt worden war. Binnen einer Stunde nach Einnahme der
ersten Dosis klagte der Patient darüber, dass er ständig
die Füsse und Beine bewegen müsse. Die Symptome
wiederholten sich am folgenden Tag, konnten dann aber mit
Clonazepam unter Kontrolle gebracht werden. Eine 73-jährige
depressive Frau wurde mit einer Medikamentenüberdosierung
ins Spital gebracht, wo eine Behandlung mit Mirtazapin eingeleitet
wurde. Unter 30 mg/Tag trat eine starke Unruhe in den Beinen
auf, weshalb man Mirtazapin durch Fluvoxamin (Floxyfral®)
ersetzte. Weil sich die depressiven Symptome damit verschlechterten,
entschied man sich erneut für Mirtazapin, worauf die
Ruhelosigkeit in den Beinen prompt wieder auftrat. Dies
besserte sich erst, nachdem die Mirtazapin-Dosis auf 15
mg/Tag reduziert worden war.
Girishchandra BG et al. Med J Aust 2002; 176: 242 [Medline]
Manie und Dysphorie
Bei einer 43-jährigen Frau mit depressiv-ängstlichen
Symptomen wurde Mirtazapin versucht, nachdem andere Antidepressiva
nicht gewirkt hatten. Als man die Dosis auf 60 mg/Tag gesteigert
hatte, wurde die Patientin reizbar und streitlustig, klagte
über Konzentrationsschwierigkeiten und Zerstreutheit.
Sie schlief weniger und fing an, so übertrieben zu
putzen, dass die Hände durch die Reinigungsmittel in
Mitleidenschaft gezogen wurden. Ferner gab sie grosse Geldsummen
für Erneuerungen im Haushalt aus. Bei der Untersuchung
fielen vermindertes Armpendeln beim Gehen, eine steife Körperhaltung
sowie eine ständige Unruhe auf. Am Arbeitsplatz als
nicht mehr tragbar taxiert, wurde ihr in den folgenden Wochen
gekündigt. Mit Hilfe einer vorübergehenden Lithium-Behandlung
über vier Wochen besserte sich der Zustand. Wie in
der Diskussion angeführt wird, passen die Symptome
zu einer noradrenergen Überaktivität.
Bhanji NH et al. Int Clin Psychopharmacol 2002; 17: 319-22
[Medline]
Serotonin-Syndrom
Ein 75-jähriger Mann wurde mit Erregung und Verwirrung
sowie Koordinations- und Gangstörungen ins Spital gebracht;
die Symptomatik hatte sich drei Tagen zuvor neu entwickelt.
Bei Eintritt war er komatös und schwitzte stark. Er
hatte eine Temperatur von 37,5°C, eine Herzfrequenz
von 105/min und einen Blutdruck von 170/90 mm Hg. Bei der
neurologischen Untersuchung zeigte sich ein beidseitiger
Rigor mit Zahnradphänomen, eine Hyperreflexie, ein
Tremor und eine Myoklonie. Die Laborbefunde (inklusive Liquor)
und das Thoraxröntgenbild waren normal. Im Computer-
und Kernspintomogramm entdeckte man eine leichte Atrophie
und kleine lakunäre Infarkte. Es wurde die Diagnose
eines Serotonin- Syndroms gestellt, wozu auch die Veränderungen
im EEG passten. Wie die Anamnese ergab, hatte man vor acht
Tagen eine Behandlung mit Mirtazapin (15 mg/Tag) eingetzt.
Das Mittel wurde gestoppt, was zu einer raschen Besserung
der neurologischen Symptomatik führte. Als mögliche
Ursache wird eine Interaktion mit Nimodipin (Nimotop®),
das der Patient seit Jahren einnahm, postuliert.
Hernández JL et al. Ann Pharmacother 2002; 36: 641-3
[Medline]
Bei einer 85-jährigen Frau entwickelte sich unter
Mirtazapin ein akuter Verwirrungszustand mit Gedächtnis-
und Sprachstörungen, nachdem eine Dosiserhöhung
von 7,5 auf 15 mg/Tag vorgenommen worden war. Neurologisch
zeigten sich Dyskinesien im Mundbereich, generalisierter
Tremor, Ataxie und Rigor. Körpersteife und gestörte
Koordination hinderten die Frau am Umhergehen. Eingehende
Untersuchungen mit Hilfe von Labor und Kernspintomographie
lieferten keine schlüssige Erklärung. Da sich
der Zustand nach Absetzen von Mirtazapin rasch besserte,
ist von einem Serotonin-Syndrom auszugehen.
Ubogu EE, Katirji B. Clin Neuropharmacol 2003; 26: 54-7
[Medline]
Nebenwirkungsmeldungen in Australien
Der australischen Arzneimittelbehörde liegen 253 Nebenwirkungsmeldungen
zu Mirtazapin vor. 16 Meldungen beschreiben Konvulsionen
(wobei keine der betroffenen Personen an einer Epilepsie
litt) und 15 Meldungen eine Blutbildveränderung (vor
allem Neutropenien und Thrombozytopenien). Über 30
Berichte betreffen Ödeme; ebenfalls häufig beschrieben
werden Angst, Agitation und Alpträume, Myalgien und
Arthralgien, Sedation sowie Hautreaktionen.
Anon. Aust Adverse Drug React Bull 2003; 22: 18-9
Schon als Mirtazapin eingeführt wurde, gab es
kaum etwas, das einen für dieses Antidepressivum gewinnen
liess. Es bestätigt sich nun, dass Mirtazapin ein breites
Spektrum an – zum Teil gefährlichen – Nebenwirkungen
aufweist, die nicht dazu einladen, Mirtazapin gegenüber
anderen Antidepressiva vorzuziehen. Mit den Nebenwirkungsberichten
wird auch unterstrichen, dass sich Mirtazapin praktisch
nicht von Mianserin unterscheidet, das, von derselben Firma
produziert, fast 40% billiger angeboten wird. (UM)
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