| VENLAFAXIN
Venlafaxin ist ein Antidepressivum,
das die Serotoninund die Noradrenalin-Wiederaufnahme
hemmt und auch zur Behandlung von «generalisierten
Angststörungen und sozialer Phobie»
zugelassen ist. Für die Behandlung einer
Depression werden Tagesdosen zwischen 75 und 375
mg empfohlen. Neuere Übersichten zu Venlafaxin
sind beispielsweise:
Wellington K, Perry CM. CNS Drugs
2001; 15: 643-69 [Medline]
Smith D et al. Br J Psychiatry 2002; 180: 396-404
[Medline]
Markennamen: Efexor®, Efexor
ER®
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Serotoninsyndrom
therapierefraktären Depression erhielt während
15 Monaten Moclobemid (Aurorix®, 600 mg/Tag), anschliessend
Imipramin (Tofranil®, 50 mg/Tag) und nach zwei Wochen
Venlafaxin als Monotherapie. Die anfängliche Tagesdosis
von 18,75 mg wurde nach zwei Tagen auf 37,5 mg gesteigert.
In den ersten Tagen vertrug die Frau das Medikament einigermassen.
Zwei Stunden nach der dritten Dosis (am 3. Tag) wurde sie
unruhig, ängstlich und zitterig. Es kam zu Durchfall
und Erbrechen, die Patientin musste ins Spital gebracht
werden. Dort wurde auch eine Sinustachykardie festgestellt.
Die Patientin wurde dann sediert, die Symptome klangen ab,
so dass sie rasch wieder entlassen werden konnte.
Pan JJ, Shen WW. Ann Pharmacother 2003; 37: 209-10 [Medline]
Eine 65-jährige Frau erhielt zweimal täglich
50 mg Venlafaxin. Da sie eine Rippenfraktur erlitt, wurde
ihr 3 Wochen später Tramadol (z.B. Tramal®, 3-mal
täglich 100 mg) verschrieben. Nach drei Tagen entwickelten
sich die Symptome eines Serotoninsyndroms mit Durchfall,
Fieber, Erregung und Desorientierung. Zuerst wurde Venlafaxin
gestoppt; die Tramadoldosis wurde reduziert und schliesslich
ganz ausgeschlichen. Nachdem beide Medikamente abgesetzt
waren – nach drei Tagen – , ging es der Patientin
wieder gut. Zwei Wochen später erhielt die Frau wieder
Venlafaxin (allein), was sie problemlos vertrug.
Anon. Reactions 2004; No 1008: 20
Entzugserscheinungen
Ein 42-jähriger Mann mit einer schweren Depression
wurde zuerst mit Fluoxetin (z.B. Fluctine®) und Imipramin
behandelt. Da damit kein Erfolg erreicht wurde, erhielt
er Venlafaxin, zweimal täglich 37,5 mg. Innerhalb von
vier Wochen ging es ihm wieder sehr gut; die Venlafaxin-Dosis
wurde noch für 6 Monate beibehalten, dann auf einmal
täglich 37,5 mg reduziert. Schliesslich wurde Venlafaxin
ganz abgesetzt. 36 Stunden später klagte er über
einen stark störenden Schwindel sowie über Brechreiz
und Benommenheit. Diese Symptome verschwanden wieder, als
der Patient wieder die bisherige Venlafaxin- Dosis einnahm.
In der Folge nahm er für drei Wochen täglich 18,75
mg (eine halbe Tablette zu 37,5 mg) und setzte das Mittel
dann ab. Der Schwindel bestand weiter in abnehmender Intensität.
Das Absetzen gelang dem Patienten trotz Beschwerden, da
er fest entschlossen war, mit dem Medikament aufzuhören.
Johnson H et al. Br Med J 1998; 317: 787 [Medline]
Eine 25-jährige Frau erhielt wegen prämenstruellen
Beschwerden Venlafaxin, zunächst eine halbe, dann eine
ganze Tablette zu 37,5 mg täglich. Nach zwei Monaten
vergass sie einmal, das Mittel einzunehmen. Innerhalb von
14 Stunden traten deutliche Entzugssymptomen auf (Schwindel,
Benommenheit, Ataxie, Brechreiz, «schockähnliche»
Empfindungen, Angst, Schlafstörungen). Die Frau entschloss
sich, das Mittel abzusetzen. Die Entzugssymptome verschwanden
im Zeitraum von vier Tagen.
Hsiao MC, Liu CY. J Clin Psychiatry 2004; 1147-8 [Medline]
Epileptische Anfälle
Eine 48-jährige Frau wurde wegen einer Depression
mit Venlafaxin behandelt. Ihre Venlafaxin-Dosis war 4 Wochen
vorher von 300 auf 450 mg/Tag erhöht worden und die
Patientin selbst nahm nochmals eine Dosiserhöhung vor.
Nachdem die Patientin drei Wochen lang täglich 600
mg Venlafaxin genommen hatte, erlitt sie zwei tonisch-klonische
Krampfanfälle mit einer Dauer von knapp 6 Minuten.
Sie wurde hospitalisiert, ihr EEG war normal und das Schädel-Hirn-Computertomogramm
ebenfalls. Venlafaxin wurde abgesetzt. Die Frau blieb noch
etwa zwei Tage somnolent und desorientiert. Sie klagte auch
über Brechreiz, Schlafstörungen, Rückenschmerzen
und Muskelkrämpfe. In der Annahme eines Entzugssyndroms
wurde der Patientin erneut Venlafaxin (300 mg/Tag) verordnet,
worauf die Beschwerden verschwanden. Nach der Spitalentlassung
wurde Venlafaxin langsam abgesetzt; die Frau erlitt in der
Folge keine Anfälle mehr
Tavakoli SA, Gleason OC. Psychosomatics 2003; 44: 262-4
[Medline]
Blutdruckanstieg
Eine 37-jährige Frau mit einer Vorgeschichte von Angstzuständen,
Depression und Alkoholmissbrauch wurde zunächst mit
Quetiapin (Seroquel®) und Disulfiram (Antabus®)
behandelt und erhielt dann zusätzlich Risperidon (Risperdal®)
und Venlafaxin (75 mg täglich). Da sie nach 9 Tagen
über verschwommenes Sehen klagte, wurde Risperidon
abgesetzt. Die Visusprobleme verschwanden aber nicht. Zu
diesem Zeitpunkt fand sich ein Blutdruck von 220/140 mm
Hg; im Augenhintergrund waren «cotton wool»-Flecken
zu sehen. Die Frau musste hospitalisiert werden, sie war
tachykard und klagte über Kopfschmerzen und Parästhesien
in den Extremitäten. Die Medikamente wurden abgesetzt.
Innerhalb von wenigen Stunden konnte der Blutdruck medikamentös
gesenkt werden und die Beschwerden verschwanden. Die Autoren
des Berichtes vermuten, der Blutdruckanstieg beruhe auf
einer Interaktion mit Disulfiram, das als Zytochrom-Hemmer
die Venlafaxin- Spiegel ansteigen lassen kann.
Khurana RN, Baudendistel TE. Am J Med 2003; 115: 676-7
[Medline]
In einer Metaanalyse wurden klinische Studien mit Venlafaxin
hinsichtlich der Wirkung auf den Blutdruck analysiert. Daten
von 3744 Behandelten konnten ausgewertet werden. Im Vergleich
mit Placebo zeigte sich in Studien mit kurzer Dauer (6 Wochen)
unter Venlafaxin und Imipramin (Tofranil®) ein geringgradiger,
aber statistisch signifikanter Anstieg des diastolischen
Blutdrucks. In länger dauernden Studien war der Blutdruck
besonders unter Venlafaxin erhöht, wobei es sich um
einen dosisabhängigen Effekt handelte. Unter den Personen,
die mehr als 300 mg Venlafaxin täglich erhielten, fanden
sich 13% mit einem anhaltenden Anstieg des diastolischen
Blutdrucks, in der Regel um 10 bis 15 mm Hg.
Thase ME. J Clin Psychiatry 1998; 59: 502-8 [Medline]
Akutes Koronarsyndrom
Eine 69-jährige Frau, die schon seit mehreren Jahren
an einer koronaren Herzkrankheit sowie an Diabetes mellitus
und Hypothyreose litt, wurde mit Glibenclamid (z.B. Daonil®,
2,5 mg täglich), Famotidin (Pepcidine®, in der
Schweiz nicht mehr erhältlich), Thyroxin (100 µg
täglich), Enalapril (z.B. Reniten ®, 10 mg täglich),
Acetylsalicylsäure (100 mg täglich) und Isosorbidmononitrat
(Corangin®, 80 mg täglich) behandelt. Wegen einer
schweren Depression erhielt sie zunächst Fluoxetin
(z.B. Fluctine®), dann statt Fluoxetin ein Phenothiazin
und Benzodiazepine, schliesslich auch Venlafaxin (75 mg
täglich). Fünf Tage nach Beginn der Behandlung
mit Venlafaxin musste sie mit akuten Thoraxschmerzen hospitalisiert
werden. Sie war tachykard, hypoton und hatte eine deutliche
ST-Senkung in V2 bis V6. Alle Psychopharmaka wurden abgesetzt;
die Patientin erhielt Nitrate und Heparin intravenös,
bis eine Besserung des Schmerzsyndroms eintrat. Die Koronarangiographie
zeigte einen partiellen Verschluss des Ramus interventricularis
anterior – alle übrigen Koronargefässe waren
ohne signifikante Veränderungen. Die Frau konnte in
gebessertem Zustand aus dem Spital entlassen werden. Weil
Venlafaxin als Serotonin- und Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer
wirkt, nehmen die Autoren des Berichtes an, dass in diesem
Fall Venlafaxin für einen koronaren Spasmus und damit
für das akute koronare Syndrom verantwortlich war.
Reznik I et al. J Psychopharmacol 1999; 13: 193-5 [Medline]
Ungünstige Nutzen/Risiko-Bilanz bei Kindern
Gemäss einer publizierten Doppelblindstudie erhielten
33 Kinder und Jugendliche mit einer Depression während
6 Wochen Venlafaxin oder Placebo. Es kam zu einer deutlichen
Besserung der Depression, die jedoch nicht Venlafaxin zugeschrieben
werden konnte. Ein Patient musste wegen eines manischen
Zustands hospitalisiert werden. Zwei nicht-veröffentlichte
Studien umfassten 334 Kinder und Jugendliche mit einer schweren
Depression. Im Vergleich mit Placebo wurde mit Venlafaxin
innerhalb von 8 Wochen keine signifikante Besserung erreicht.
Therapieabbrüche wegen unerwünschten Wirkungen
und Suizidversuche waren unter Venlafaxin signifikant häufiger
als unter Placebo. Die Nutzen/Risiko-Bilanz von Venlafaxin
bei depressiven Kindern und Jugendlichen muss damit als
ungünstig bezeichnet werden.
Whittington CJ et al. Lancet 2004; 363: 1341-5 [Medline]
Das britische «Committee on Safety of Medicines»
hat die Daten zu Venlafaxin neu beurteilt und daraus die
folgende Empfehlung abgeleitet: Personen mit Herzinsuffizienz,
koronarer Herzkrankheit und andere Herzkranke, Personen
mit Elektrolytstörungen und solche mit einer Hypertonie
sollten kein Venlafaxin erhalten.1
Die amerikanischen Arzneimittelbehörden haben
diese Kontraindikationen bisher nicht übernommen und
wollen die entsprechenden Daten zunächst nochmals umfassend
analysieren.
Dass es nach dem Absetzen von Venlafaxin zu Entzugssymptomen
kommen kann, wird heute nicht mehr bestritten. Wie die Beispiele
zeigen, kommen Symptome auch nach relativ niedrigen Dosen
vor. Ähnlich wie bei den Serotonin- Wiederaufnahmehemmern
wird dagegen das Suizid-Risiko unter Venlafaxin kontrovers
diskutiert. Wichtig ist jedenfalls, dass es bei Kindern
und Jugendlichen klar keine Indikation für Venlafaxin
gibt.
Wir beachten wohl die Verwandtschaft von Venlafaxin
und Tramadol zu wenig. Diese beiden Substanzen gleichen
sich in ihrer chemischen Struktur, in ihrer Kinetik und
in ihrem Wirkungsmechanismus ausserordentlich stark. So
wundert es keineswegs, dass es bei der gleichzeitigen Verabreichung
relativ hoher Dosen beider Medikamente zu einem Serotoninsyndrom
kommen kann. Noch ungenügend geklärt ist im übrigen
die Rolle des polymorph vererbten CYP2D6, das (bei Venlafaxin
und Tramadol) für die Bildung des wichtigen aktiven
Metaboliten von Bedeutung ist.
1 http://medicines.mhra.gov.uk/ourwork/monitorsafequalmed/safetymessages/SSRI61204ddl.pdf
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