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| pharma-kritik |
| Titel |
Ezetimibe |
| Autoren |
P. Ritzmann |
| pharma-kritik Jahrgang
24, Nummer 17 |
Redaktionsschluss:
16. März 2003 |
| Ezetimibe (Ezetrol®)
hemmt die Aufnahme von Cholesterin und pflanzlichen Sterinen
aus dem Darm und wird zur Behandlung von Hypercholesterinämien
und der seltenen homozygoten Sitosterinämie empfohlen.
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| Chemie/Pharmakologie
Ezetimibe ist der erste Vertreter einer neuen
Stoffklasse, den sogen. 2-Azetidinonen. Ezetimibe hemmt dosisabhängig
die Resorption von Cholesterin und pflanzlichen Sterinen im
Dünndarm. Das Medikament wirkt direkt im Bereich der
Dünndarmschleimhaut, der genaue Wirkungsmechanismus ist
bisher aber nicht bekannt. Im Tierexperiment konnte keiner
der Rezeptoren, denen bei der Cholesterinresorption Bedeutung
zukommt, als Wirkungsort identifiziert werden. (1)
Beim Menschen reduziert Ezetimibe in einer Tagesdosis von
10 mg die Resorption von Cholesterin um etwa die Hälfte.
Die interindividuelle Variabilität der Cholesterinresorption
variiert allerdings stark sowohl unter Placebo (etwa 25% bis
75%) als auch unter Ezetimibe (etwa 3% bis 50%). In ähnlichem
Ausmass wird auch die Resorption von pflanzlichen Sterinen
(Sitosterin, Campesterin) gehemmt. Hingegen nimmt unter Ezetimibe
die Cholesterinsynthese in der Leber durchschnittlich um fast
das Doppelte zu. (2)
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| Pharmakokinetik
Ezetimibe wird nach oraler Verabreichung schnell resorbiert;
im Darm wird die Substanz fast vollständig zu einem Glukuronid
konjugiert. Dieses Glukuronid ist aktiver als Ezetimibe selbst.
Etwa 1-2 Stunden nach der Einnahme sind für das Glukuronid,
nach 4-12 Stunden für Ezetimibe maximale Plasmakonzentrationen
erreicht. Da keine intravenös applizierbare Form zur
Verfügung steht, ist die Bioverfügbarkeit nicht
bekannt. Sowohl Ezetimibe wie das Glukuronid werden über
die Galle ausgeschieden, so dass ein enterohepatischer Kreislauf
mit wiederholten Plasmaspitzen zustandekommt. Die terminale
Eliminationshalbwertszeit soll durchschnittlich etwa 22 Stunden
betragen, variiert jedoch beträchtlich. Die Ausscheidung
erfolgt grösstenteils mit dem Stuhl und nur zu 11% mit
dem Urin. Bei Personen über 65 finden sich rund doppelt
so hohe Plasmaspiegel wie bei jüngeren Leuten. Eine eingeschränkte
Leber- oder Nierenfunktion führt zu erhöhten Spiegeln,
die jedoch praktisch nur bei mittelschwerer bis schwerer Leberinsuffizienz
von Bedeutung sein sollen. Ezetimibe scheint die Aktivität
der Zytochrome nicht wesentlich zu beeinflussen. (1)
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| Klinische
Studien
Die bisherigen Studien, an denen etwa 5000 Personen beteiligt
waren, belegen den Einfluss von Ezetimibe auf die Plasmalipide.
Dagegen fehlen bisher Studien, die den Nutzen einer Behandlung
anhand klinisch relevanter Endpunkte dokumentieren.
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Monotherapie
In einer Dosisfindungsstudie bei 243 Personen mit
einem LDL-Cholesterin von 3,4 bis 6,5 mmol/l und einem Triglyzerid-Spiegel
von höchstens 3,4 mmol/l wurde Ezetimibe einmal täglich
in einer Dosis von 0,25 mg, 1 mg, 5 mg oder 10 mg mit Placebo
verglichen. Alle Teilnehmenden erhielten Instruktionen für
eine fett- und cholesterinarme Diät. Nach 2 Wochen hatten
die LDL-Cholesterinwerte in allen Ezetimibe-Gruppen signifikant
stärker abgenommen als unter Placebo. Die Senkung nahm
mit der Höhe der Dosis zu und blieb über die 12
Wochen Beobachtungsdauer etwa konstant. (3)
In einer ähnlich angelegten placebokontrollierten Studie
wurde Ezetimibe in einer Dosis von 5 mg oder 10 mg entweder
am Morgen oder am Abend verabreicht. Beide Verabreichungsarten
beeinflussten die Plasmalipide in vergleichbarem Ausmass.
Fasst man die Resultate dieser beiden Studien zusammen, so
betrug die Senkung des LDL-Cholesterins unter 5 mg
Ezetimibe 15,7% und unter 10 mg 18,5% (Unterschied
signifikant). Das HDL-Cholesterin wurde um 2,9% bzw. um 3,5%
erhöht. Die Triglyzeride waren etwas niedriger als unter
Placebo, der Unterschied statistisch nicht signifikant. (3)
Ähnliche Resultate zeigten grössere Studien,
in denen Ezetimibe bei Personen mit einer primären
Hypercholesterinämie untersucht wurde. In einer
12wöchigen placebokontrollierten Studie bei 892 Personen
mit einem LDL-holesterin von 3,4 bis 6,5 mmol/l und einem
Triglyzerid-Spiegel von höchstens 4,0 mmol/l senkte die
tägliche Einnahme von 10 mg Ezetimibe das LDL-Cholesterin
um durchschnittlich 16,9%. Die Wirksamkeit wurde von Alter,
Geschlecht, Rasse und Lipidstatus nicht beeinflusst. Statistisch
signifikant war auch die Senkung von Gesamt-Cholesterin, Apolipoprotein
A und Triglyzeriden sowie die Erhöhung des HDL-Cholesterins.
(4)
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Kombination
mit Statinen
In einer 12wöchigen Studie wurde die Wirkung von Ezetimibe
in Kombination mit verschiedenen Dosen Simvastatin (Zocor®)
bei 668 Personen mit primärer Hypercholesterinämie
untersucht. Simvastatin allein führte in einer
Dosis von 10 bis 80 mg täglich zu einer Senkung des LDL-Cholesterins
um 27% bis 44%. Mit 10 mg Ezetimibe zusätzlich nahm das
LDL-Cholesterin gesamthaft um 44% bis 57% ab. Gegenüber
den Kontrollgruppen ohne Ezetimibe betrug die zusätzliche
LDL-Cholesterinsenkung durchschnittlich 14% (Unterschied signifikant).
Auch das Gesamtcholesterin, die Triglyzeride und Apolipoprotein
B wurden signifikant stärker gesenkt, HDL-Cholesterin
stärker erhöht. (5) In einer
anderen Studie wurden 769 Personen mit einer primären
Hypercholesterinämie untersucht, die alle bereits
vorgängig mit einem Statin behandelt worden waren.
Einschlusskriterium war, dass sie mit dem Statin die amerikanischen
Zielwerte einer cholesterinsenkenden Behandlung nicht erreicht
hatten (LDL-Cholesterin je nach Risikoklasse 4,1 mmol/l, 3,4
mmol/l oder 2,6 mmol/l). Etwa die Hälfte der Untersuchten
litt an einer koronaren Herzkrankheit oder an einem Diabetes
mellitus. Je etwa ein Drittel waren mit Atorvastatin (Sortis®)
oder mit Simvastatin behandelt worden, die anderen mit einem
anderen Statin. Ezetimibe (10 mg täglich) führte
gegenüber Placebo über 8 Wochen zu einer zusätzlichen
Senkung des LDL-Cholesterins um 21%. Jetzt erreichten
76% die LDL-Cholesterin-Zielwerte, in der Placebogruppe aber
nur 27%. Unterschiede in der Wirkung bezüglich des eingenommenen
Statins ergaben sich keine. (6) In einer
placebokontrollierten Studie wurden auch 50 Kranke mit einer
familiären Hypercholesterinämie untersucht.
Bei den meisten war eine homozygote familiäre Hypercholesterinämie
genetisch belegt worden. Alle waren bei Studienaufnahme mit
Simvastatin oder Atorvastatin in einer täglichen Dosis
von 40 mg behandelt, etwa die Hälfte zusätzlich
mit regelmässiger LDL-Apherese (ein Dialyse-ähnliches
Verfahren, mit dem insbesondere die LDL-Partikel aus dem Plasma
entfernt werden). Ihr LDL-Cholesterin lag bei Studienbeginn
durchschnittlich bei etwa 8,3 mmol/l. Nach dem Zufall erhielten
die Kranken der einen Gruppe die doppelte Statindosis (80
mg/Tag), eine zweite Gruppe erhielt Ezetimibe 10 mg täglich
zu der bisherigen Statindosis hinzu und die dritte Gruppe
wurde täglich mit 80 mg Statin plus 10 mg Ezetimibe behandelt.
Nach 12 Wochen Behandlung hatten die LDL-Cholesterinwerte
in beiden Ezetimibegruppen stärker abgenommen als in
der Kontrollgruppe (um 13% und 28% gegenüber 7%). Das
Ausmass der Senkung war bei Kranken mit und ohne LDL-Apherese
ähnlich. (7)
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| Unerwünschte
Wirkungen
Aufgrund der vorhandenen Daten können die kurzfristigen
Risiken einer Ezetimibe-Therapie erst ansatzweise, die langfristigen
Risiken praktisch überhaupt nicht abgeschätzt werden.
In den 8- bis 12wöchigen placebokontrollierten Studien
waren grippale Infekte, Kopf- und Gelenkschmerzen sowie Brechreiz
die am häufigsten berichteten unerwünschten Ereignisse,
der Unterschied zu Placebo war aber nicht signifikant. Häufiger
als unter Placebo trat ein Anstieg der Leber- oder Muskelenzyme
auf. Unter Monotherapie mit 10 mg Ezetimibe wurde eine Erhöhung
von ALT oder AST (GPT oder GOT) auf das Dreifache der oberen
Norm bei knapp 1% registriert, bei gleichzeitiger Statintherapie
bei 2%. Erhöhungen der CPK um das Dreifache waren unter
Mono- und Kombinationstherapie etwa gleich häufig (1,6%
bis 2,5%). Eine Rhabdomyolyse wurde in den Studien nicht beobachtet.
(8) Im Tierversuch wird durch Ezetimibe
die Resorption anderer fettlöslicher Substanzen (Triglyzeride,
Vitamine A und D, Ethinylestradiol) nicht beeinflusst. Ob
die verminderte Resorption von pflanzlichen Sterinen oder
anderer Substanzen bei Langzeitanwendung zu Problemen führen
könnte, ist bisher ungenügend untersucht.
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Interaktionen
Bei gleichzeitiger Einnahme mit Colestyramin (Quantalan®)
nimmt die Bioverfügbarkeit von Ezetimibe um etwa die
Hälfte ab, weshalb Ezetimibe nicht gleichzeitig mit Ionenaustauschern
eingenommen werden soll. In einem Fall wurden stark erhöhte
Ezetimibe-Spiegel bei gleichzeitiger Einnahme mit Ciclosporin
(Sandimmun®) beobachtet. Keine pharmakokinetische Interaktion
konnte bei gleichzeitiger Verabreichung mit Statinen beobachtet
werden. Fibrate scheinen die orale Verfügbarkeit von
Ezetimibe zu erhöhen. Da keine Hinweise auf eine Beeinflussung
der Zytochrome gefunden wurden, ist das Risiko pharmakokinetischer
Interaktionen wahrscheinlich gering. (1)
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Dosierung,
Verabreichung, Kosten
Ezetimibe (Ezetrol®) ist als Tabletten zu 10 mg erhältlich
und kassenzulässig. Bei primärer oder familiärer
Hypercholesterinämie sollen einmal täglich 10 mg
täglich eingenommen werden, bei Einhalten einer cholesterin-
und fettarmen Diät. Empfohlen wird eine Monotherapie
oder die Kombination mit einem Statin. Von einer Kombination
mit Fibraten wird abgeraten. Daten zur Anwendung bei schwangeren
oder stillenden Frauen fehlen. Kontraindiziert ist Ezetimibe
auch bei Kindern unter 10 Jahren (mangels entsprechender Dokumentation)
und bei mittelschwerer bis schwerer Leberinsuffizienz. Bei
Abgabe einer grossen Packung (98 Tabletten) entstehen durch
die Behandlung Kosten von monatlich CHF 67.15. Eine Statinbehandlung,
die das LDL-Cholesterin ungefähr doppelt so stark senkt,
ist für die Hälfte dieses Preises zu haben (z.B.
eine halbe Atorvastatin-Tablette zu 20 mg täglich für
CHF 33.60).
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| Kommentar
Dass medikamentös die Resorption von Cholesterin
direkt gehemmt werden kann, ist ein Novum und Ezetimibe damit
im Gegensatz zu vielen anderen Neueinführungen wirklich
eine neue Therapieoption. Die so erzielte Senkung des LDL-Cholesterins
beträgt etwa die Hälfte der Senkung, die mit einem
Statin in üblicher Dosis erreicht werden kann. Nur schon
deshalb macht eine Monotherapie mit Ezetimibe kaum Sinn. Weiter
bleibt zu bedenken, dass für die neue Substanz bisher
weder ein Nutzen bezüglich harter Endpunkte noch eine
gute Verträglichkeit bei längerer Einnahme belegt
wurde. Ein Einsatz von Ezetimibe kommt heute ausserhalb von
Studien am ehesten in Betracht bei stark erhöhten LDL-Cholesterinwerten
trotz hochdosierter Statintherapie, wie sie vor allem bei
familiären Hypercholesterinämien beobachtet werden.
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| Literatur
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