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Orale Cephalosporine

B. Staub
Manuskript duchgesehen von A. Gerber und K. Neftel

(pharma-kritik Jahrgang 18, Nr.17)
Diese Nummer wurde am 19. Juni 1997 redaktionell abgeschlossen.


Einführung | Gemeinsame Eigenschaften der oralen Cephalosporine | Die einzelnen Präparate | Die wichtigsten Indikationen in der Praxis | Parenterale oder orale Antibiotika? | Schlussfolgerungen

Einführung
Heute sind zahlreiche Cephalosporine zur oralen Verabreichung erhältlich. In der Schweiz werden diese Medikamente immer noch vergleichsweise sparsam eingesetzt, obwohl die pharmazeutische Industrie und einige Experten zur Verordnung von Cephalosporinen aufrufen. Immerhin wurden im Jahre 1996 für mehr als 12 Mio. Franken orale Cephalosporine verkauft. Sind orale Cephalosporine in der ambulanten Medizin notwendig und sinnvoll? Welches sind die wichtigsten Unterschiede zwischen den vorhandenen Präparaten? Diese beiden Fragen stehen im folgenden Text im Vordergrund.
Cephalosporine gehören zu einer Gruppe von halbsynthetischen Antibiotika, die von «Cephalosporin C» abgeleitet sind, einer antibiotisch wirksamen Substanz, die vom Pilz Cephalosporium acremonium produziert wird. Chemisch sind sie den Penicillinen ähnlich: sie besitzen den gleichen Betalaktam-Ring; bei den Cephalosporinen ist dieser mit einem sechsgliedrigen, bei den Penicillinen mit einem fünfgliedrigen Ring fusioniert. Die bakterizide Wirkung der Betalaktam-Antibiotika beruht auf der Hemmung der bakteriellen Zellwandsynthese. Sie binden sich an bestimmte Proteine und führen dadurch zu einer osmotisch instabilen Zellmembran.1

Gemeinsame Eigenschaften der oralen Cephalosporine
Die heute zur oralen Verabreichung verfügbaren Cephalosporine haben – unabhängig von der Generation, der sie zugerechnet werden – sehr viele Eigenschaften gemeinsam.

Pharmakokinetik
Während andere kinetische Parameter (Resorption, Plasmahalbwertszeit) von einer Substanz zur anderen etwas variieren, werden alle Cephalosporine zum grössten Teil unverändert über die Nieren eliminiert. Deshalb wird empfohlen, bei stark eingeschränkter Nierenfunktion (Kreatininclearance unter 20 bis 40 ml/min) die Cephalosporin-Dosis zu reduzieren.

Indikationen
Die wichtigsten Indikationen sind für alle oralen Cephalosporine identisch: In der ambulanten Medizin werden sie ganz überwiegend empirisch für Infektionen der Atemwege (inkl. Otitis media) und der Harnwege eingesetzt. Selbstverständlich sind dabei die tatsächlich vorhandenen Erreger bzw. deren Resistenz gegen bestimmte Antibiotika von Bedeutung. Für diese beiden Indikationsgebiete gibt es jedoch keine überzeugenden Daten, wonach eines der oralen Cephalosporine in einer für die Praxis relevanten Weise den anderen überlegen wäre. Alle in der Schweiz erhältlichen oralen Cephalosporine sind in kindergerechten Formen verfügbar. Für einzelne Generationen oder Substanzen sind weitere Indikationen dokumentiert (siehe unten).

Resistenzen
Enterokokken, methicillinresistente Staphylokokken und penicillinresistente Pneumokokken sind in der Regel gegenüber allen Cephalosporinen resistent. Im übrigen ist zu bedenken, dass die Resistenzlage zeitlich variabel und von Land zu Land verschieden ist. Gemäss einer Zürcher Untersuchung hat sie sich in der Schweiz seit 1987 offenbar nicht wesentlich verändert, d.h. es sind in der Zeit von 1987 bis 1993 kaum neue Resistenzen von untersuchten Bakterien gegen Cephalosporine aufgetreten.2

Unerwünschte Wirkungen
Cephalosporine sind allgemein relativ gut verträgliche Medikamente. Durchschnittlich klagen etwa 10% der mit oralen Cephalosporinen Behandelten über unerwünschte Wirkungen. Weitaus am häufigsten sind gastrointestinale Beschwerden, insbesondere Durchfall.3 Auch Brechreiz/Erbrechen sowie verschiedene Bauchbeschwerden kommen vor. Durchfälle und andere gastrointestinale Beschwerden treten aber beispielsweise unter Amoxicillin/Clavulansäure (Augmentin®) eher häufiger auf als unter den meisten Cephalosporinen.4 Alle Cephalosporine können vereinzelt zu einer pseudomembranösen Kolitis führen. Ob dieses Problem häufiger vorkommt als unter anderen Antibiotika, ist nicht bekannt. Zwar wurde der Einfluss einzelner Präparate auf die gastrointestinale Flora untersucht, doch sind diese Studien zu klein, um zu allgemeingültigen Aussagen zu führen.5 Hautreaktionen (Exantheme, Urtikaria, Pruritus u.a.) werden bei rund 1% der Patienten beobachtet. Seltenere Nebenwirkungen sind neurologische Beschwerden, insbesondere Kopfschmerzen, hämatologische Veränderungen (z.B. Eosinophilie, selten Neutropenie) und eine leichte Erhöhung der Transaminasen.
Allergische Reaktionen gegen orale Cephalosporine sind selten. Sie kommen fast nur bei Personen vor, die auch auf Penicillin allergisch sind. Die Inzidenz von klinisch relevanten Kreuzallergien zwischen Penicillin und Cephalosporinen wird auf 2 bis 10% geschätzt. Bei Personen, die einmal auf Penicillin anaphylaktisch reagiert haben, sind Cephalosporine kontraindiziert. Hautteste lassen keine zuverlässigen Rückschlüsse auf eine Cephalosporin-Allergie zu.6
Interaktionen: Wie andere Antibiotika können orale Cephalosporine eventuell die Wirksamkeit von oralen Kontrazeptiva und von Lebendimpfstoffen beeinträchtigen. Einzelne Substanzen verursachen weitere Interaktionen, siehe unten.

Schwangerschaft/Stillzeit
Alle oralen Cephalosporine können bei zwingender Indikation auch von schwangeren Frauen eingenommen werden. Es ist noch ungenügend beschrieben, ob die Präparate in die Muttermilch übertreten. Die Auswirkungen auf gestillte Säuglinge sind ebenfalls unbekannt.

Die einzelnen Präparate
In den folgenden Abschnitten werden besondere Merkmale der einzelnen Generationen und Präparate dargestellt, siehe auch Tabelle 1.

Erste Generation
Cephalosporine der ersten Generationentfalten eine gute Wirkung gegen grampositive Kokken wie z.B. Staphylokokken und Streptokokken. Cephalosporine der ersten Generation sind nur eingeschränkt («intermediär») gegen aerobe, gramnegative Erreger wie E. coli, Proteus mirabilis und Klebsiella pneumoniae wirksam.

Cefadroxil
Cefadroxil (Duracef®) ist ein typischer Vertreter der ersten Cephalosporin-Generation. Pneumokokken sind auf dieses Medikament nur «intermediär» empfindlich. Als Indikationen werden neben den Atem- und Harnwegsinfekten auch Infektionen der Haut und der Weichteile genannt.

Cefalexin
Cefalexin (Keflex®) hat eine etwas bessere Wirksamkeit gegen Pneumokokken, unterscheidet sich aber sonst kaum von Cefadroxil.
Die Indikationen umfassen neben den Atem- und Harnwegsinfekten auch Infekte der Haut und der Weichteile, der Knochen und Gelenke sowie im Bereich der Zähne.

Zweite Generation
Cephalosporine der zweiten Generation sind gegen grampositive Kokken ungefähr gleich wirksam wie die Präparate der ersten Generation. Mit den letzteren verglichen sind Zweitgenerations-Cephalosporine aber schon in niedrigerer Konzentration gegen E. coli, Klebsiella pneumoniae, Proteus mirabilis und andere Entero-bacteriaceae wirksam. Sie wirken auch gegen Haemophilus influenzae und Neisserien, nicht aber gegen Pseudomonas.

Cefaclor
Cefaclor (Ceclor®) ist ein typischer Repräsentant der zweiten Generation mit dem entsprechenden antimikrobiellen Spektrum. Einzelne Staphylokokken-Stämme sind gegen Cefaclor resistent.
Die Indikationen umfassen neben den Atem- und Harnwegsinfekten auch Infektionen der Haut und der Weichteile.
Eine Nebenwirkung, die praktisch nur unter Cefaclor beobachtet wird, ist eine Serumkrankheit-ähnliche Reaktion mit Exanthem, Arthralgie, vereinzelt mit Fieber. Diese Reaktion kommt besonders bei Kleinkindern vor; in einer Studie war eines von 200 behandelten Kindern davon betroffen.7
Interaktionen: Gleichzeitig eingenommene säurehemmende Medikamente (Antazida, H2-Rezeptorantagonisten) vermindern die Resorption von Cefaclor.

Cefuroxim
Cefuroxim ist einerseits zur Injektion, anderseits als «Prodrug» in Form von Cefuroxim-Axetil (Zinat®) zur oralen Verabreichung erhältlich. Sein antimikrobielles Spektrum entspricht weitgehend dem oben erwähnten Spektrum der Cephalosporine der 2. Generation. Die dokumentierten Indikationen umfassen neben Atem- und Harnwegsinfekten auch Infektionen der Haut und der Weichteile, die unkomplizierte urogenitale Gonorrhoe sowie das Stadium I einer Lyme-Borreliose.
Nebenwirkungen: Bei der Behandlung der Lyme-Borreliose tritt bei etwa 1 von 5 fünf Personen eine Jarisch-Herxheimer-Reaktion auf.
Interaktionen: Die Resorption kann durch säurehemmende Medikamente beeinträchtigt werden.

Cefprozil
Cefprozil (Procef®), in der Schweiz erst seit kurzer Zeit erhältlich, hat das Spektrum eines Zweitgenerations-Cephalosporins.
Die Indikationen umfassen neben den Atem- und Harnwegsinfekten auch Infekte der Haut und der Weichteile.

Dritte Generation
Cephalosporine der dritten Generation haben einerseits eine hohe Stabilität gegen Betalaktamasen und sind deshalb auch gegen Betalaktamase-bildende Stämme von Haemophilus influenzae und Moraxella (Branhamella) catarrhalis aktiv. Sie weisen eine gute Aktivität gegen E. coli, Klebsiellen, Proteus sp. und gegen Neisserien auf. Auch Pneumokokken sind in der Regel empfindlich. Anderseits sind Drittgenerations-Cephalosporine meistens ungenügend wirksam gegen Staphylokokken. Sie sind deshalb z.B. für die Behandlung von Haut- und Weichteilinfekten kaum geeignet.

Cefetamet
Cefetamet-Pivoxil (Globocef®) kann als typischer Vertreter eines Cephalosporins der dritten Generation gelten.
Indikationen sind, wie bei anderen Cephalosporinen, Infektionen im Bereich der Atemwege (inkl. Hals/Nasen/Ohren) und Harnwegsinfektionen durch empfindliche Keime. Nebenwirkungen: Ob Cefetamet weniger Durchfälle verursacht als andere Cephalosporine, weil es in Tierversuchen die intestinale Flora kaum verändert,8 ist nicht gesichert.

Cefixim
Cefixim (Cephoral®) hat im wesentlichen das gleiche antimikrobielle Wirkungsspektrum wie Cefetamet.
Die Indikationen umfassen Atemwegs-, Hals/Nasen/Ohren- und Harnwegsinfekte sowie die akute unkomplizierte Gonorrhoe.
Die Nebenwirkungen von Cefixim sind nach verschiedenen Untersuchungen etwas häufiger als diejenigen anderer oraler Cephalosporine; in mehreren Untersuchungen fand sich insbesondere eine erhöhte Inzidenz von Durchfall.9

Cefpodoxim
Cefpodoxim-Proxetil (Orelox®, Podomexef®), ein «Prodrug», hat ein ähnliches antimikrobielles Spektrum wie andere Cephalosporine der dritten Generation. Die belegten Indikationen von Cefpodoxim sind Atemwegsinfekte, Harnwegsinfekte und die unkomplizierte Gonorrhoe.
Interaktionen: Säurehemmende Mittel (Antazida, H2-Rezeptorenantagonisten) beeinträchtigen die Resorption des Medikamentes.10

Ceftibuten
Ceftibuten (Cedax®), ein weiteres Cephalosporin mit hoher Stabilität gegenüber Betalaktamasen, entspricht in seinem antibakteriellen Spektrum ungefähr den anderen Drittgenerations-Cephalosporinen. Pneumokokken sind nur mässig empfindlich. Die Indikationen sind Infekte der Atemwege und des Hals/Nasen/Ohren-Bereichs (mit Ausnahme der Pneumokokkeninfekte) sowie Harnwegsinfekte.


Tabelle 1: Orale Cephalosporine: Einnahmevorschriften, Dosierung und Preis
Medikamente Markennamen HWZ* Einnahme* Tagesdosis* Preis*
Cefadroxil Duracef 1,5 2x (ev. nur 1x)/Tag, beliebig 1000 mg 8.15
Cefalexin Keflex 1,0 2-4x/Tag, beliebig 1000 mg 9.80
Cefaclor Ceclor
Ceclor retard
0,8
0,8
3x/Tag, beliebig
2x/Tag, mit dem Essen
750 mg
750 mg
7.60
6.75
Cefprozil Procef 1,3 2x (ev. nur 1x)/Tag, beliebig 500 mg 6.05
Cefuroxim-Axetil Zinat 1,3 2x/Tag, mit dem Essen 500 mg 7.25
Cefetamet-Pivoxil Globocef 2,5 2x/Tag, mit dem Essen 1000 mg 8.40
Cefixim Cephoral 3,5 2x (ev. nur 1x)/Tag, beliebig 400 mg 9.00
Cefpodoxim-Proxetil Orelox, Podomexef 2,4 2x/Tag, mit dem Essen 200 mg 7.25
Ceftibuten Cedax 2,5 1x/Tag, nicht mit Essen 400 mg 13.60
* HWZ: Plasmahalbwertszeit in Std. - Einnahme: «beliebig» = Medikament kann mit oder ausserhalb Mahlzeiten genommen werden -Dosis: kleinste übliche Dosis für Erwachsene - Preis: Preis der Tagesdosis in CHF (kleinste OP)


Nummer 10 (Orale Cephalosporine)


Literatur
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  2. Lepper H, Estler CJ. Antibiot Chemother 1995; 47: 160-82 (kein Abstract)
  3. Todd PA, Benfield P. Drugs 1990; 39: 264-307
  4. Novelli A et al. J Chemother 1995; 7 (Suppl 1): 25-31
  5. Cerny A. Schweiz Med Wochenschr 1996; 126: 528-34
  6. Wüst J, Kayser FH. Schweiz Rundsch Med Praxis 1995; 84: 98-105
  7. Levine LR. Pediatr Infect Dis J 1985; 4: 358-61
  8. Gismondo MR et al. J Chemother 1994; 6: 246-50
  9. Poole JM et al. Infect Med 1992; 9 (Suppl E): 21-32
  10. Lode H et al. Drugs 1994; 47 (Suppl 3): 10-20
  11. Anon. Drug Ther Bull 1995; 33: 9-12 (kein Abstract)
  12. Ferguson BJ. Postgrad Med 1995; 97 (5): 45-57
  13. Anon. Drug Ther Bull 1995; 33: 12-4 (kein Abstract)
  14. Sanjay S et al. JAMA 1995; 273: 957-60
  15. Cunha BA. Med Clin North Am 1995; 79: 581-97
  16. Sanford JP et al. The Sanford Guide to Antimicrobial Therapy. Vienna, Antimicrobial Therapy, Inc. 1997: 24
  17. Janknegt R, van der Meer JWM. J Antimicrob Chemother 1994; 33: 169-77
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