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| Sertindol | Vom Umgang mit neuen Medikamenten |
(pharma-kritik Jahrgang 19, Nr.18)
Diese Nummer wurde am 9. Juli 1998 redaktionell abgeschlossen.
Sertindol (Serdolect ® ) ist ein neues Neuroleptikum, das zur Behandlung der Schizophrenie empfohlen wird.
Chemie/Pharmakologie
Sertindol, chemisch ein Phenylindol-Derivat, wird wie Clozapin (Leponex®),
Risperidon (Risperdal®) und Olanzapin (Zyprexa®) zu den
atypischen Neuroleptika gezählt. Diese Substanzen grenzen sich von den
klassischen Neuroleptika ab, indem sie weniger extrapyramidale Nebenwirkungen
verursachen und vermutlich die Negativsymptome einer Schizophrenie (Aufmerksamkeitsstörungen,
Apathie, sozialer Rückzug) besser lindern. Die Unterschiede erklärt man sich
mit den neuropharmakologischen Eigenschaften. Bei allen Neuroleptika beruht
ein wichtiger Teil der Wirkung auf einer Hemmung von Dopamin-D2
-Rezeptoren. Doch während klassische Neuroleptika eine hohe Affinität zur nigrostriatalen
Gehirnregion aufweisen, binden sich die atypischen Neuroleptika bevorzugt an
mesolimbische Neuronen. Zusätzlich blockieren die atypischen Neuroleptika weitere
Rezeptoren; so sind im Falle von Sertindol serotoninerge 5-HT2
- und noradrenerge a
Pharmakokinetik
Nach peroraler Verabreichung von Sertindol sind maximale Plasmaspiegel nach
etwa 10 Stunden erreicht. Die biologische Verfügbarkeit ist erst bei Tieren
gemessen und wird mit 74% angegeben. Im Plasma bindet sich die Substanz zu über
99% an Eiweisse. Sertindol wird hauptsächlich in der Leber durch das Zytochrom-P450-System
abgebaut, und zwar über CYP2D6 und eine noch nicht exakt bestimmte CYP3A-Isoform
(vermutlich 3A4). Es sind zwei Metaboliten identifiziert, wovon einer pharmakologisch
schwach aktiv ist; beide werden grossenteils via Galle in den Stuhl ausgeschieden.
Die Plasmahalbwertszeit von Sertindol beträgt 55 bis 90 Stunden. Bei Personen
mit einer verringerten CYP2D6-Aktivität (Debrisoquin-Polymorphismus) kann sich
die Halbwertszeit erheblich verlängern. Im Alter und bei Niereninsuffizienz
verändert sich die Pharmakokinetik nicht wesentlich, während bei Leberinsuffizienz
mit einer Abnahme der Clearance zu rechnen ist.2,3,4,5
Klinische Studien
In den sechs klinischen Studien, zu denen Daten verfügbar sind, wurde Sertindol
mit Placebo oder Haloperidol (Haldol® u.a.) verglichen.2
Sie umfassten rund 2'100 Personen mit einer Schizophrenie, die sich mit mittel-
bis schwergradigen Symptomen präsentierten und die auf Neuroleptika bereits
einmal angesprochen hatten oder noch nie mit Neuroleptika behandelt worden waren.
Wie üblich, wenn Neuroleptika geprüft werden, verwendete man in den klinischen
Studien mit Sertindol bestimmte psychiatrische Bewertungsskalen: Die
antipsychotische Wirkung wurde mit der PANSS (Positive and Negative Syndrome
Scale), SANS (Scale for the Assessment of Negative Symptoms), BPRS (Brief Psychiatric
Rating Scale) und CGI-Skala (Clinical Global Impression) beurteilt; extrapyramidale
Effekte erfasste man mit der AIMS (Abnormal Involuntary Movement Scale), Simpson-Angus-Skala
und Barnes-Akathisie-Skala.
Von den erwähnten sechs Studien - sie waren mehrheitlich multizentrisch organisiert
- sind drei in ausführlicher Form veröffentlicht:
In einer Doppelblindstudie wirkten alle drei geprüften Sertindol-Dosen (8, 12
bzw. 20 mg/Tag) besser als Placebo. Der Effekt war dosisabhängig; ein
signifikanter Unterschied war aber nur mit der höchsten Dosis von 20 mg/Tag
festzustellen.6
In einer anderen Studie wurden 477 hospitalisierte Personen in sieben Gruppen
unterteilt und 8 Wochen lang doppelblind entweder mit Placebo, Sertindol
(12, 20 bzw. 24 mg/Tag) oder Haloperidol (4, 8 bzw. 16 mg/Tag) behandelt.
In den Sertindol-Gruppen wurde mit 4 mg/Tag gestartet und alle 3 Tage um 4 mg/Tag
gesteigert, bis die Zieldosis erreicht war. In den Haloperidol-Gruppen begann
man ebenfalls mit 4 mg/Tag; je nach vorgesehener Dosis wurde nach 3 Tagen auf
8 mg/Tag und nach weiteren 3 Tagen auf 16 mg/Tag erhöht. Bei der Analyse sind
Sertindol und Haloperidol nur in bezug auf extrapyramidale Nebenwirkungen direkt
miteinander, ansonsten nur jeweils mit Placebo verglichen worden. Beide Neuroleptika
zeigten in allen Dosierungen eine bessere antipsychotische Wirkung als Placebo,
wobei die Unterschiede fast ohne Ausnahme signifikant waren. Die Überlegenheit
beider Substanzen liess sich auch bei den Negativsymptomen (PANSS, SANS) nachweisen.
Gegenüber Placebo ergab sich indessen nur mit der mittleren Sertindol-Dosis
(20 mg/Tag) ein längerfristiger signifikanter Unterschied. Allerdings sind auf
der SANS-Skala für Haloperidol keine Berechnungen zur Signifikanz aufgeführt.7
Bei 203 Personen, die in ambulanter Behandlung standen und bereits mindestens
3 Monate lang mit einem der klassischen Neuroleptika vorbehandelt waren, verglich
man Sertindol während 12 Monaten lang doppelblind mit Haloperidol.
Während der ersten 3 Wochen wurde die vorhergehende Neuroleptika-Behandlung
schrittweise abgesetzt; in diesem Zeitraum hatte man die Dosierungen der Studienmedikamente
von 4 auf 24 mg/Tag (Sertindol) bzw. von 5 auf 10 mg/Tag (Haloperidol) erhöht.
Neben den psychiatrischen Bewertungsskalen wurden auch Behandlungsabbrüche,
Therapieversagen (Krankheitsrückfalle) und damit verbundene Hospitalisationen
in die Beurteilung einbezogen. In beiden Gruppen beendeten über die Hälfte der
Behandelten die Studie vorzeitig. Sertindol zeigte sich gemäss mehreren Kriterien
Haloperidol überlegen. Insgesamt waren die Unterschiede aber nur in wenigen
Punkten signifikant - zum Beispiel, wenn auf die Zeitspanne geachtet wurde,
bis ein Rückfall auftrat und eine Hospitalisation nötig war.8
Bislang liegen keine Ergebnisse von Studien vor, in denen Sertindol mit
anderen atypischen Neuroleptika verglichen worden ist. Ebenso sind keine systematischen
Untersuchungen durchgeführt worden bei Personen, die gegenüber anderen Neuroleptika
therapieresistent waren.
Unerwünschte Wirkungen
Als häufige unerwünschte Wirkungen von Sertindol werden verstopfte Nase, Schwindel,
Mundtrockenheit, orthostatische Hypotonie, Tachykardie, Ödeme, Parästhesien
und Gewichtszunahme genannt. Bei Männern kann sich das Ejakulatvolumen reduzieren;
andere sexuelle Störungen sind damit nicht verbunden. In seltenen Fällen sind
Leberenzymerhöhungen und Konvulsionen beobachtet worden.
Extrapyramidale Nebenwirkungen traten unter Sertindol signifikant weniger
auf als unter Haloperidol und waren ungefähr gleich häufig wie mit Placebo.
Sertindol verzögert dosisabhängig die Repolarisationsphase des Herzens,
was sich in einer Verlängerung des QT- bzw. des auf die Herzfrequenz bezogenen
QTc-Intervalls äussern kann. Eine QTc-Verlängerung
auf über 500 ms gilt als Risikofaktor für ventrikuläre Arrhythmien (z.B. Torsades
de pointes). Das Phänomen kann auch bei anderen Neuroleptika vorkommen, scheint
sich jedoch bei Sertindol in besonderem Mass zu manifestieren. Das QTc-Intervall
verlängert sich im Durchschnitt um 5% und wird bei 2 bis 4% der Behandelten
in einen Bereich von über 500 ms verschoben. Das damit verbundene Arrhythmie-Risiko
wird auf 0,1 bis 0,2% geschätzt. Eindeutige Fälle von Arrhythmien sind bislang
nicht bekannt geworden. Es werden aber Todesfälle erwähnt, die diesbezüglich
nicht ganz geklärt sind.2
Interaktionen
Gemäss den bisherigen Untersuchungen hat Sertindol keinen bedeutsamen Einfluss
auf die Pharmakokinetik von anderen Medikamenten. Hingegen können Substanzen,
die Zytochrom-P450-Enzyme hemmen, einen erheblichen Anstieg der Sertindol-Plasmakonzentrationen
bewirken. Dies gilt für CYP2D6-Hemmer wie Fluoxetin (Fluctine® u.a.)
oder Paroxetin (Deroxat®) und potente CYP3A4-Hemmer wie Ketoconazol
(Nizoral®) oder Itraconazol (Sporanox®).2,3
In einer Studie bei Freiwilligen veränderte Erythromycin (Erythrocin ®
u.a.), ein weniger starker CYP3A4-Hemmer, den Metabolismus von Sertindol nicht
signifikant.9
Zusammen mit Enzyminduktoren wie Phenytoin (Epanutin® u.a.) oder
Carbamazepin (Tegretol® u.a.) ist mit einem beschleunigten Abbau
von Sertindol zu rechnen. Nach Absetzen von Paroxetin ist unter Sertindol ein
ausgeprägtes Entzugssyndrom (Erregtheit, Schlaflosigkeit) beobachtet worden,
das möglicherweise als pharmakodynamische Interaktion zu werten ist.10
Dosierung, Verabreichung, Kosten
Sertindol (Serdolect® ) ist kassenzulässig und als Tabletten zu 4,
12, 16 und 20 mg erhältlich. Das Mittel wird einmal pro Tag verabreicht.
Die Behandlung soll mit einer Dosis von 4 mg/Tag begonnen werden, die man allmählich
steigert, bis der gewünschte Effekt erzielt ist. Die Höchstdosis beträgt 24
mg/Tag. Sertindol eignet sich nicht zur Akutbehandlung. In der Schwangerschaft
darf Sertindol nur bei dringender Indikation verabreicht werden. Bei stillenden
Frauen und bei Kindern sind keine eingehenden Erfahrungen vorhanden.
Vor einer Behandlung soll ein EKG angefertigt werden - gefolgt von einer
Kontrolle, nachdem man die letzte Dosiserhöhung vor-genommen hat. Sertindol
ist kontraindiziert bei Herzkrankheiten, ausgeprägter Hypokaliämie oder
in Kombination mit anderen Medikamenten, die das QTc-Intervall
verlängern.
In einer Dosierung von 12 bis 20 mg/Tag kostet Sertindol 229 bis 321 Franken
pro Monat. Haloperidol (Haldol® u.a.) ist deutlich billiger (mit
10 mg/Tag knapp 46 Franken pro Monat). Preisvergleiche mit anderen atypischen
Neuroleptika sind nur näherungsweise möglich, weil keine äquivalenten Dosen
bestimmt sind: Pro Monat kostet Olanzapin (Zyprexa®, 10 bis 15 mg/Tag)
414 bis 577 Franken, Risperidon (Risperdal®, 4 bis 8 mg/Tag) 184
bis 368 Franken und Clozapin (Leponex®, 200 bis 400 mg/Tag) 113 bis
226 Franken.
Kommentar
Wie andere atypische Neuroleptika zeichnet sich Sertindol gegenüber den herkömmlichen
Mitteln durch eine wesentlich geringere Rate extrapyramidaler Nebenwirkungen
aus. Ob sich Sertindol in bezug auf Spätdyskinesien oder das maligne neuroleptische
Syndrom ebenso günstig verhält, weiss man nicht, da umfassende Langzeiterfahrungen
fehlen. Der andere propagierte Hauptvorteil - eine bessere Wirksamkeit bei Negativsymptomen
- hat sich in den publizierten Vergleichen mit Haloperidol angedeutet, ist aber
noch nicht überzeugend dokumentiert. Die Beobachtung, dass Sertindol eine Verlängerung
des QTc-Intervalls hervorruft, mahnt zur Vorsicht
und ist offenbar auch für die amerikanische Arzneimittelbehörde FDA ein strittiger
Punkt.2
Die Probleme, die man sich in dieser Hinsicht zum Beispiel mit den Antihistaminika
wie Terfenadin (Teldane®) oder Astemizol (Hismanal®) eingehandelt
hat, sind noch in wacher Erinnerung..
Die Referenzen erscheinen auch im Rahmen des Fensters, wenn man im Text mit dem Cursor über die Fussnote fährt.
Letzte Änderung: 31.8.98
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