INFOMED-PHARMA-KRITIK - AN INDEPENDENT NON-PROFIT PUBLICATION WITHOUT ADVERTISING
Therapie von Hautmykosen
R. Majstorovic
Manuskript durchgesehen von P. Itin, G. Müllner & Ch. Oswald
(pharma-kritik Jahrgang 17, Nr.19)
Diese Nummer wurde am 22. Juni 1996 redaktionell abgeschlossen
Einführung
In den rund zehn Jahren, seit pharma-kritik eine Übersicht zur
Behandlung der Hautmykosen veröffentlicht hat, ist es zu einem
bedeutsamen Wandel der Therapie gekommen. Am klinischen Bild der
Pilzerkrankungen der Haut hat sich jedoch kaum etwas geändert. Im
Zusammenhang mit AIDS oder bei immunsupprimierten Personen werden
allerdings vermehrt ungewöhnlich ausgedehnte Formen beobachtet.
Hautmykosen gehören zu den häufigsten Infektionskrankheiten
des Menschen. Neben der kosmetischen Beeinträchtigung
verursachen sie Juckreiz, manchmal auch Schmerzen; sie sind auch
nicht selten Eintrittspforten für schwere bakterielle Infekte.
Irreversible Alopezien infolge von Hautmykosen sind dagegen
selten.
Als Erreger von Dermatomykosen kommen Dermatophyten
(Fadenpilze) der Trichophyton-, Epidermophyton- und Microsporum-
Arten, Hefen und Opportunisten wie Schimmelpilze
und Aspergillen in Frage. Nach wie vor gilt, dass Hautmykosen
grundsätzlich nur spezifisch behandelt werden sollen, wenn ein
adäquater Pilznachweis vorliegt. Dafür genügt in vielen
Fällen der mikroskopische Nachweis von Pilzfäden mit
Septierungen, Verzweigungen und parallelen Zellwänden. Ob vor
einer längeren systemischen Therapie ein kultureller Pilz-
Nachweis erfolgen soll, wird nicht einheitlich beurteilt.1
Im folgenden wird zunächst eine Übersicht zu den heute am
häufigsten verwendeten lokal und systemisch anwendbaren
Antimykotika angeboten. Zwei Medikamenten, die bisher in
dieser Zeitschrift nicht ausführlicher besprochen worden sind -
Amorolfin und Itraconazol -, sind spezielle Abschnitte gewidmet.
Einzelheiten zu anderen Antimykotika finden sich in früheren
Artikeln.2,3 Abschliessend folgen Empfehlungen zum
praktischen Vorgehen
Azole
Man unterscheidet Imidazole, die fast nur lokal verwendet
werden, und Triazole, die sowohl lokal als auch systemisch
verabreicht werden. (Terconazol [Gyno-Terazol®] wird
ausschliesslich zur Behandlung vulvovaginaler Mykosen empfohlen.)
In Tabelle 1 sind die für eine Lokaltherapie geeigneten Präparate
zusammengestellt. Azole sind gegen Dermatophyten, Hefen und
Schimmelpilze sowie gegen Gram-positive Bakterien wirksam. Sie
binden sich an das Zytochrom-P-450-System der Pilze und hemmen so
deren Ergosterolsynthese, was zu Defekten in der Zellmembran
führt. Da sie sich auch an die menschlichen (hepatischen)
Zytochrome binden, sind systemisch verabreichte Azole eine
wichtige Ursache von Arzneimittel-Interaktionen (siehe
unten).
In der Dermatologie spielen vor allem die lokal anwendbaren
Imidazole eine Rolle, da sie sich gut zur Behandlung der
häufigen interdigitalen Tinea pedis eignen. Auch
Ketoconazol (Nizoral®) wird heute vorwiegend
lokal appliziert, insbesondere als Shampoo und Crème bei
seborrhoischer Dermatitis. Für die systemische Therapie ist
Ketoconazol heute weitgehend von besser verträglichen Substanzen
abgelöst worden. Fluconazol (Diflucan®) hat
bisher für die Behandlung oberflächlicher Fadenpilzerkrankungen
wenig Bedeutung erlangt. Dieses Medikament ist dagegen bei
Schleimhautkandidosen hochwirksam und gelangt z.B. bei
immungeschwächten Personen (bei denen das gleiche Medikament vor
allem für Systemmykosen wichtig ist) zum Einsatz. Itraconazol
(Sporanox®) ist dagegen auch bei Haut- und
Nagelmykosen dokumentiert, welche durch Faden- oder Hefepilze
verursacht werden.
Tabelle 1: Für die dermatologische Lokaltherapie geeignete Imidazol-Präparate
| Medikamente |
Markennamen |
Verfügbare galenische Formen |
| Clotrimazol |
Canesten Clocim Cutistad Eurosan Fungotox Gromazol Imazol |
Crème, Pumpspray Crème, Spraylösung Crème, Pumpspray, Puder Crème Crème Crème, Pumpspray Crème, Crèmepaste |
| Econazol |
Pevaryl |
Crème, Puder, Spray, Hautmilch, Lipogel, Lösung,Paste, Shampoo |
| Fenticonazol |
Mycodermil |
Crème, Puder, Lösung |
| Isoconazol |
Travogen |
Crème |
| Ketoconazol |
Nizoral |
Crème, Shampoo |
| Miconazol |
Daktar Daktarin |
Hautgel Crème, Lotion, Puder, Tinktur |
| Omoconazol |
Azameno |
Crème |
| Oxiconazol |
Myfungar Oceral |
Crème, Lösung, Spray, Puder Crème, Lösung, Puder |
| Tioconazol |
Trosyd |
Crème, Crème forte, Lotion, Spray, Nagellösung |
Itraconazol
Itraconazol wird heute in erster Linie zur Behandlung von Haut-
und Nagelmykosen sowie bei grossflächigen Dermatomykosen und bei
Tinea lamellosa sicca verwendet. Ausserdem eignet es sich bei
Kandidosen des Mund/Rachen- sowie des Vulvovaginalbereichs. Es
handelt sich um ein Triazol mit einem sehr breiten
antimykotischen Spektrum,4,5 das auch
bei Aspergillose, Histoplasmose, Sporotrichose,
Parakokzidioidomykose, Chromomykose und Blastomykose in Betracht
gezogen werden kann.
Die Pharmakokinetik von Itraconazol zeichnet sich durch
mehrere Besonderheiten aus: Das Medikament wird gastrointestinal
wesentlich besser resorbiert, wenn es mit oder unmittelbar nach
einer Mahlzeit eingenommen wird. Seine Plasmahalbwertszeit
beträgt ein bis zwei Tage; bei der Verabreichung von 200 mg
täglich wird erst nach etwa drei Wochen ein Fliessgleichgewicht
des Plasmaspiegels erreicht. Im Gewebe können oft weit höhere
Spiegel als im Plasma nachgewiesen werden. In Finger- und
Zehennägeln finden sich noch sechs Monate nach einer
Itraconazolbehandlung therapeutische Konzentrationen.6 Itraconazol gelangt praktisch nicht in den
zerebrospinalen Liquor. Das Medikament wird in der Leber
vorwiegend durch das Zytochrom P450 3A4 metabolisiert; die
meisten Metaboliten sind inaktiv. Die Ausscheidung erfolgt über
den Stuhl und den Urin.
In klinische Studienist gezeigt worden, dass orales
Itraconazol in einer Dosis von 100 mg/Tag bei Hautmykosen
(verschiedenen Tinea-Formen) ähnlich wirksam ist wie
Griseofulvin (Fulcin®), 500 mg/Tag).7 Im Vergleich mit Terbinafin
(Lamisil®, 250 mg/Tag) dagegen erreicht Itraconazol
bei Dermatophytosen nicht immer gleich gute Resultate.8,9
Bei Nagelmykosen ist Itraconazol in verschiedenen Studien
während drei Monaten in einer Dosis von 200 mg/Tag gegeben
worden. Die mit diesem Verfahren erreichten Resultate sind recht
unterschiedlich: in einzelnen Studien ergab sich eine hohe
Erfolgsrate (Heilung in 70 bis 80%),10 in
anderen wurden nur wenige geheilt.11 Auch mit
einer intermittierenden Behandlung (dreimal je 1 Woche Behandlung
mit 400 mg/Tag, jeweils im Abstand von einem Monat) können bei
Finger- oder Zehennagelmykosen Heilungsraten von 70 bis 80%
erreicht werden.12 Eine
grosse, 12 Wochen dauernde Doppelblindstudie, in der Itraconazol
(200 mg/Tag) bei Zehennagelmykose mit Terbinafin (250 mg/Tag)
verglichen wurde, ergab jedoch für Itraconazol nur eine
Heilungsrate von 63%, während mit Terbinafin in 81% eine Heilung
erreicht wurde.13
Bei vulvovaginaler Kandidose hat sich Itraconazol in einer
Dosis von 400 mg (gegeben innerhalb von 24 Stunden) als ähnlich
wirksam erwiesen wie eine lokale (vaginale) Behandlung mit einem
Imidazol. Itraconazol kann auch bei chronischer mukokutaner
Kandidose wirksam sein.
Zur Wirksamkeit von Itraconazol bei systemischen Mykosen
sind zahlreiche Berichte zu Einzelfällen oder kleinen Serien
veröffentlicht worden. Das Medikament ist von der FDA namentlich
zur Behandlung der Aspergillose, der Blastomykose und der
Histoplasmose zugelassen.
Unerwünschte Wirkungen: Itraconazol verursacht gelegentlich
Brechreiz und Bauchbeschwerden, Kopfschmerzen, Schwindel oder
Müdigkeit. Auch ein allergisches Exanthem oder ein Ödem kann
auftreten. Über Einzelfälle von Hepatitis, Hypokaliämie,
Gynäkomastie und Impotenz ist berichtet worden. In der
Schwangerschaft ist Itraconazol kontraindiziert.
Interaktionen infolge der Einwirkung auf das Zytochrom
P450 3A4 sind nicht selten. Die wichtigsten dieser Interaktionen
sind in Tabelle 2 zusammengestellt. Einzelne davon, z.B.
Herzrhythmusstörungen (Torsades de pointes) bei gleichzeitiger
Verabreichung von Itraconazol und Terfenadin
(Teldane®) können lebensgefährlich sein.
In der Schweiz ist Itraconazol unter dem Namen
Sporanox® als Kapseln zu 100 mg erhältlich. Die
Dosierung beträgt in der Regel 100 mg (bei Nagelmykosen 200 mg)
täglich; die Behandlungsdauer ist von der Art der Mykose
abhängig.
Tabelle 2: Wichtige Interaktionen von Itraconazol (Auswahl)
- Haupteffekt der Interaktion = erhöhte Wirkung eines anderen, gleichzeitig verabreichten
Medikamentes infolge der Enzymhemmung durch Itraconazol:
- Einzelne Histamin-H1-Rezeptorantagonisten: Astemizol (Hismanal®), Terfenadin (Teldane®)
- Einzelne Benzodiazepine: Midazolam (Dormicum®), Triazolam (Halcion®)
- Gastroinestinales Prokinetikum: Cisaprid (Prepulsid®)
- Kardiovaskulär aktive Medikamente: Chinidin, Digoxin, einzelne Dihydropyridine wie Felodipin (Munobal®, Plendil®) oder Nifedipin (Adalat® u.a.)
- Immunsuppressiva wie Ciclosporin (Sandimmun®)
- Orale Antikoagulantien
- Orale Antidiabetika
- Haupteffekt der Interaktion = reduzierte Wirkung von Itraconazol
- Enzyminduktoren wie Carbamazepin (Tegretol® u.a.), Phenytoin (Epanutin® u.a.), Rifampicin (Rimactan® u.a.)
- Säurehemmende Mittel (Antazida und H2-Rezeptorenblocker)
- Didanosin (Videx®, da es ein Antazidum enthält)
|
Nummer 19 (Therapie von Hautmykosen)
Literatur
- Anon. Treatment of superficial fungal infections, in: Workshop 1996/1, Stockholm: Läkemedelsverket (Sweden) & Statens Legemidddelkontroll (Norway), 1995: 7-25
- Käsemodel U. pharma-kritik 1989; 11: 69-71
- Gysling E. pharma-kritik 1992; 14: 39-40
- Haria M et al. Drugs 1996; 51: 585-620
- Como JA, Dismukes WE. N Engl J Med 1994; 330: 263-72
- Willemsen M et al. J Am Acad Dermatol 1992; 26: 731-5
- Lachapelle JM et al. Dermatology 1992; 184: 45-50
- Hay RJ et al. Br J Dermatol 1995; 132: 604-8
- De Kayser P et al. Br J Dermatol 1994; 130 (Suppl 43): 22-5
- Haneke E et al. Eur J Dermatol 1996; 6: 7-10
- Anon. Med Letter Drug Ther 1996; 38: 5-6
- De Doncker P et al. Arch Dermatol 1996; 132: 34-41
- Bräutigam M et al. Br Med J 1995; 311: 919-22
- Hofmann H et al. Arch Dermatol 1995; 131: 919-22
- Faergemann J et al. J Am Acad Dermatol 1995; 32:750-3
- Jones TC. Br J Dermatol 1995; 132: 683-9
- Evans EG. Br J Dermatol 1994; 130 (Suppl 43): 12-4
- Haria M, Bryson HM. Drugs 1995; 49: 103-20
- Nolting S et al. Clin Exp Dermatol 1992; 17 (Suppl 1): 56-60
Mit Netscape 2.0 erscheinen die Referenzen auch im Rahmen des Fensters, wenn man im Text mit dem Cursor
über die Fussnote fährt.
Autorin und Reviewer dieser Ausgabe:
Dr. Renata Majstorovic, Kantonale Psychiatrische Klinik St. Pirminsberg, CH-7312 Pfäfers
PD Dr. P. Itin, Dermatologische Universitätsklinik, Kantonsspital, CH-4031 Basel
Dr. G. Müllner, Murbacherstr. 35, CH-6003 Luzern
Dr. Christine Oswald, Nordstr. 292, CH-8037 Zürich
Zurück zum pharma-kritik Index
Zurück zu INFOMED ONLINE Home
Copyright © 1996 Infomed-Verlags-AG