|
(pharma-kritik Jahrgang 17, Nr.22)
Diese Nummer wurde am 19. Juli 1996 redaktionell abgeschlossen
Es sind vor allem zwei Umstände, die mich veranlassen, eine Ergänzung von pharma-kritik zu planen: Erstens ist offensichtlich, dass sich das Tempo, mit dem neue Erkenntnisse hervorgebracht werden, beschleunigt hat und in den nächsten Jahren noch mehr beschleunigen wird. So stelle ich beispielsweise fest, dass unser 1994 erschienenes Buch «Hundert wichtige Medikamente» schon heute, rund zwei Jahre später, in mehreren Abschnitten revisionsbedürftig ist. Für eine neue Auflage, die nicht vor Herbst 1997 erscheinen wird, muss das Buch daher erheblich überarbeitet werden. Es besteht aber grundsätzlich ein Bedürfnis nach mehr oder weniger kontinuierlicher Information. Dieses Bedürfnis kann teilweise durch die Verwendung elektronischer Medien abgedeckt werden. Viele Kolleginnen und Kollegen lesen aber einen Text immer noch viel lieber auf Papier als auf dem Bildschirm. Zudem sind medizinische Informationen z.B. im Internet nur sehr selten in einer unserer Landessprachen zu lesen (unsere eigenen Internet-Publikationen sind eine Ausnahme!).
Zweitens beunruhigt mich die bisher vorwiegend in den USA sichtbare Entwicklung, dass es mehr und mehr Nicht-Ärzte sind, die über die «beste» Behandlung entscheiden. Dass Leute, die mit individuellen Kranken und ihren Schicksalen keinen direkten Kontakt haben, gewissermassen vom Schreibtisch aus darüber befinden, wie unsere medizinischen Ressourcen eingesetzt werden sollen, ist dem Wohl der Patienten langfristig sicher abträglich. Zu verlockend ist es, sich von abstrakten Algorithmen und überwiegend wirtschaftlichen Überlegungen leiten zu lassen und den Praktiker auf vermeintlich narrensichere «Guidelines» festzulegen. So sehr ich persönlich von rationalen Prinzipien in der Medizin überzeugt bin, so sehr möchte ich mich auch dafür engagieren, dass diese Prinzipien nicht stur über den Kopf der praktisch tätigen Ärztinnen und Ärzte hinweg appliziert werden. Dies bedeutet aber gleichzeitig, dass wir uns alle immer wieder selbst aktiv mit Veränderungen auseinandersetzen müssen und nicht selten auch vertraute Gewohnheiten über Bord werfen müssen. Nur wenn wir uns auf dem laufenden halten, sind wir der Herausforderung einer «Evidence Based Medicine» gewachsen.
Zusammen mit einer der nächsten pharma-kritik-Nummern werden alle Abonnentinnen und Abonnenten ein zweites «Muster» von infomed-screen erhalten. Sie erinnern sich: wir haben Ende 1995 einmal eine vierseitige Beilage dieses Namens mitgesandt. Diesmal sollen es acht Seiten sein, entsprechend dem Umfang, den das geplante Blatt auch später haben soll.
Ich bin sehr glücklich, für diesen zweiten Versuchsballon zwei Kopiloten gefunden zu haben, die dafür verantwortlich sind, dass praxisrelevante und wissenschaftlich einwandfreie Studien ausgewählt wurden: Benedikt Holzer, ein Thuner Allgemein- und Tropenmediziner, der mit pharma-kritik seit vielen Jahren eng verbunden ist, hat diese Probenummer betreut. Bei Matthias Egger, dem Koordinator der schweizerischen Gruppe der «Cochrane Collaboration» hat er kompetente Unterstützung gefunden. Wenn sich unser Projekt realisieren lässt, darf ich damit rechnen, dass diese beiden Kollegen auch weiterhin für infomed-screen hauptverantwortlich zeichnen.
Die erklärte Absicht von infomed-screen ist es, praktisch tätigen Ärztinnen und Ärzten den Zugang zu guten, randomisierten Studien und entsprechenden Metanalysen zu erleichtern. Ausserdem sollen von Zeit zu Zeit praxisorientierte Leitfäden und Kommentare zu bedeutsamen neuen Entwicklungen erscheinen. Schliesslich wird infomed-screen regelmässig Angaben zu elektronischen Informationsquellen publizieren, um auch in dieser Weise möglichst viele Elemente einer «Evidence Based Medicine» leicht verfügbar zu machen. Es ist klar, dass infomed-screen auch für viele andere, z.B. Apothekerinnen und Apotheker, eine ideale Ergänzung zu unseren bisherigen Publikationen darstellt.
Wie pharma-kritik soll auch infomed-screen inseratefrei erscheinen. Ich habe im Laufe der Jahre mit vielen Leuten darüber diskutiert, ob pharma-kritik denn notwendigerweise inseratefrei sein müsse. Ich bin durchaus nicht ein fanatischer Werbegegner. Wenn aber eine Publikation dieser Art in der Lage sein soll, unabhängig von finanziellen Überlegungen zu berichten, so gibt es meines Erachtens keine andere dauerhafte Lösung, als eben konsequent inseratefrei zu bleiben. Es gibt zu viele Beispiele von sogenannten Fachzeitschriften, die demonstrieren, wie penetrant der Industrie-Einfluss sein kann.
Die Inseratefreiheit bringt den Zwang zu sehr grosser Bescheidenheit mit sich. Die Nachteile, die sich daraus ergeben, sind keineswegs zu vernachlässigen. Nicht nur sind unsere Löhne klein, auch unsere Möglichkeiten, wünschenswerte, ergänzende Aktivitäten zu realisieren, sind sehr gering. Um mehr anbieten zu können, braucht es meistens zusätzlichen «manpower» (oder «womanpower») und dafür fehlt einfach das Geld. Nicht zu vernachlässigen sind aber auch die bedeutsamen Vorteile, insbesondere für die Abonnentinnen und Abonnenten. Neben der Unabhängigkeit, die für pharma-kritik eine Selbstverständlichkeit darstellt, profitieren Leserinnen und Leser von der Verpflichtung zur Kürze. Ein Blatt, das auf wenigen Seiten die essentiellen Daten bringt, ist doch um einiges leichter zu lesen als eines, in dem man die wesentlichen Elemente selbst heraussuchen muss.
Weil infomed-screen auf der gleichen «Philosophie» wie pharma-kritik beruhen soll, kann ich das neue Blatt vorläufig nicht als Tatsache, sondern nur als Projekt vorstellen. Wir können uns einfach nicht leisten, infomed-screen gewissermassen vorzufinanzieren. Dies bedeutet, dass sich das Projekt nur realisieren lässt, wenn sich eine genügend grosse Zahl von Leuten zu einer Subskription verpflichtet. Der Abonnementspreis für 80 Seiten Information pro Jahr wird ungefähr gleich hoch sein wie für ein pharma-kritik-Jahresabonnement. Wir benötigen ein Minimalbudget von knapp 100'000 Franken. Gelingt es nicht, diesen Betrag durch Subskription sicherzustellen (d.h. etwas mehr als 1000 Leute für unser Projekt zu begeistern), so wird das Projekt wohl oder übel begraben. Schade wäre es schon, bietet es doch eine Chance, eine moderne, deutschsprachige Alternative zu englischen und amerikanischen Publikationen (z.B. Journal Watch, ACP Journal Club) zu entwickeln.
Die neue Publikation soll aber nicht nur gedruckt, sondern auch elektronisch erhältlich werden. Statt eines «Blattes» könnten Abonnentinnen und Abonnenten die gleiche Information auch auf Diskette erhalten. Das letztere Abonnement hätte den Vorteil, dass sich die Information in dieser Form ganz einfach auf dem Computer sammeln und durchsuchen liesse. Wir werden auch prüfen, ob sich eine Zustellung über das Internet (als e-mail oder in einer anderen Form) realisieren lässt. Wer weiss, vielleicht bahnt die neue Publikation auch neue Wege für pharma-kritik.
Gerne empfehle ich daher unseren zweiten infomed-screen-Versuch, den Sie im August 1996 erhalten werden, Ihrer besonderen Aufmerksamkeit. Sie werden bis Ende Oktober Zeit haben, uns mit Ihrer Subskription grünes Licht für mehr gute Information zu geben.
Etzel Gysling
Copyright © 1996 Infomed-Verlags-AG