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Kinetik-Glossar

E. Gysling & R.L. Galeazzi

(pharma-kritik Jahrgang 18, Nr.22)
Diese Nummer wurde am 18. August 1997 redaktionell abgeschlossen.


In dieser fünften Folge unserer Kinetikreihe sind kurze Definitionen der wichtigsten Begriffe der Pharmakokinetik zu finden. Hinweise auf frühere Kapitel schaffen die Verbindung zu ausführlicheren Texten.
Auf dieser Seite finden Sie Definitionen zu den folgenden Begriffen:
Plasmahalbwertszeit | Präsystemischer Metabolismus | Prodrug | Renale Clearance | Resorption | Retardformen | Spitzenspiegel | Tiefstspiegel | Verteilung | Verteilungsvolumen | Wirkungsdauer | Xenobiotika

Auf der ersten Seite finden Sie:
ADME | Biliäre Exkretion | Bioäquivalenz | Biotransformation | Bioverfügbarkeit | Blut-Hirn-Schranke | Clearance | Dosis-Wirkungsbeziehung | Eiweissbindung | Elimination | Entero-hepatischer Kreislauf

Auf der zweiten Seite finden Sie:
Exkretion | Extrarenale Dosisfraktion | Fläche unter der Konzentrations-Zeit-Kurve | Fliessgleichgewicht | Freie Fraktion des Arzneimittels | Hepatische Clearance | Kompartimente | Kumulation | Lineare Kinetik | Mehrfachdosierung | Nicht-lineare Kinetik

Bei mehreren Begriffen finden sich Hinweise auf frühere pharma-kritik-Texte zur Pharmakokinetik. Es handelt sich um die folgenden Texte:

Plasmahalbwertszeit
Synonyme (ungenau): Halbwertszeit, Eliminationshalbwertszeit
Englisch: plasma half life
Die Plasmahalbwertszeit entspricht der Zeitspanne, die benötigt wird, bis eine gegebene Arzneimittelkonzentration im Plasma auf die Hälfte abgenommen hat. Wenn sich ein Arzneimittel nur in einem Kompartiment verteilt und einer Kinetik erster Ordnung folgt, so kann die Plasmahalbwertszeit relativ einfach berechnet werden. Häufig folgt die Kinetik jedoch einer multiexponentiellen Kurve, so dass sich verschiedene Halbwertszeiten ergeben. Früher wurde angenommen, die Plasmahalbwertszeit liesse sich aufgrund der terminalen loglinearen Eliminationsphase zuverlässig berechnen. Die heute verfügbaren, hochempfindlichen Analysemethoden ergeben jedoch zum Teil sehr lange Halbwertszeiten, die klinisch nicht relevant sind. Heute wird deshalb versucht, diejenige Halbwertszeit zu definieren, die sich am ehesten mit klinisch messbaren Wirkungen in Zusammenhang bringen lässt («dominante» Halbwertszeit). Die Zusammenhänge zwischen Halbwertszeit und klinischer Wirkungsdauer sind jedoch oft komplex, siehe Kinetik II.

Präsystemischer Metabolismus
Englisch: first pass effect
Bevor ein resorbiertes Medikament in den Systemkreislauf gelangt, kann es bereits chemisch verändert worden sein. Insbesondere unterliegen oral verabreichte Medikamente eventuell schon bei der ersten Leberpassage («first pass») einer Metabolisierung. Einzelne Stoffe werden gar schon in der Darmwand verändert. Die systemische (biologische) Verfügbarkeit ist daher nicht nur von der Resorption im engeren Sinn abhängig, sondern oft durch einen präsystemischen Metabolismus beeinflusst. Da die Enzymaktivität genetisch bedingt individuell stark variieren kann, ist der präsystemische Metabolismus für einen grossen Teil der interindividuellen Variabilität der Arzneimittelwirkung verantwortlich, siehe auch Kinetik I.

Prodrug
Synonyme: Propharmakon, Vorstufe
Einzelne Arzneimittel können aus Gründen der Resorption oder der Verträglichkeit nicht in ihrer aktiven oder wirksamsten Form verabreicht werden. Vorstufen dieser Substanzen, die an sich normalerweise die gewünschte Wirkung nicht aufweisen, sind jedoch eventuell besser resorbierbar oder verträglich. Meistens handelt es sich um orale Darreichungsformen, bei denen ein solches Prodrug verwendet wird. Die Aktivierung im Körper erfolgt teils spontan (beispielsweise bei einem bestimmten pH), teils durch Biotransformation.

Proteinbindung
siehe Eiweissbindung

Renale Clearance
Englisch: renal clearance
Die renale Clearance entspricht einem Teil der gesamten Clearance. Die Menge von unverändertem Arzneimittel und Metaboliten, die mit dem Urin ausgeschieden wird, hängt von der glomerulären Filtration, aktiver tubulärer Sekretion und Rückresorption ab.

Resorption
Synonyme: Absorption, Aufnahme
Englisch: absorption
Die Resorption im engeren Sinn beschreibt Ausmass und Geschwindigkeit des Verschwindens eines Arzneimittels vom Verabreichungsort (Magen-Darm-Trakt, Muskel, Subkutis usw.). Nach dieser Definition kann ein Medikament zu 100% resorbiert werden, aber z.B. dennoch nur zu 50% systemisch verfügbar sein (wenn es präsystemisch metabolisiert wird).
Unter Resorption im weiteren Sinn versteht man alle Vorgänge, die zwischen Verabreichung eines Arzneimittels und seiner Präsenz im systemischen Kreislauf liegen. Nach dieser Definition kann eine 80%ige Resorption z.B. einer 100%igen Resorption im engeren Sinn in Kombination mit einer präsystemischen Metabolisierung entsprechen (d.h. die Bioverfügbarkeit beträgt 80%).

Retardformen
Englisch: controlled-release, extended-release, sustained-release, prolonged-action
Retardformen sind galenisch so aufbereitet, dass sie zu einer langsamen und gleichmässigen Resorption des Arzneimittels führen sollten. Im Vergleich mit nicht-retardierten Formen haben Retardformen folgende Vorteile: Vereinfachung der Einnahme bzw. Verabreichung, eine über Nacht anhaltende Wirkung und geringere Nebenwirkungen infolge niedrigerer Spitzenkonzentrationen. Retardformen sind in der Regel nur sinnvoll, wenn das nicht-retardierte Medikament eine Wirkungsdauer von weniger als 4 Stunden hat.

Sättigung
siehe Nicht-lineare Kinetik

Spitzenspiegel
Synonym: Maximalkonzentration
Englisch: peak level, peak plasma concentration
Die Zeitspanne bis zum Erreichen eines Spitzenspiegels (einer maximalen Plasmakonzentration) ist ein Mass für die Geschwindigkeit der Resorption. In vielen Fällen kann angenommen werden, dass die klinische Wirkung nachweisbar ist, wenn Spitzenspiegel erreicht sind. Dies ist aber nicht immer der Fall, besonders nicht, wenn die Wirkung von der Verteilung in mehrere Kompartimente abhängt.

Steady-State
siehe Fliessgleichgewicht

Tiefstspiegel
Synonym: Talspiegel
Englisch: trough level, trough plasma concentration
Bei regelmässig wiederholter Verabreichung eines Medikamentes erreichen die Plasmaspiegel jeweils vor der erneuten Verabreichung ihren tiefsten Wert. Dieser ist besonders dann von Bedeutung, wenn die Plasmaspiegel in einem bestimmten Bereich gehalten werden sollen (z.B. bei Antiepileptika). In diesen Fällen sollte die Blutentnahme zur Spiegelbestimmung kurz vor der erneuten Verabreichung erfolgen. Siehe auch: Fliessgleichgewicht

Verteilung
Englisch: distribution
Unter Verteilung versteht man den Transfer eines Arzneimittels vom Verabreichungsort in den systemischen Kreislauf und anschliessend in das extra- und intrazelluläre Wasser und die Gewebe.

Verteilungsvolumen
Englisch: distribution volume
Das Verteilungsvolumen (VD) entspricht dem Quotienten aus der Gesamtmenge des im Körper vorhandenen Medikamentes und dem Plasma- oder Blutspiegel. Es handelt sich also um eine virtuelle Grösse, die eng mit den anderen kinetischen Werten zusammenhängt. Einzelheiten siehe: Kinetik III.

Wirkungsdauer
Englisch: duration of drug effect
Die Wirkungsdauer ist kein pharmakokinetischer Begriff. Für viele Medikamente besteht zwar ein enger Zusammenhang zwischen Wirkungsdauer und dominanter Plasmahalbwertszeit. Es gibt jedoch zahlreiche Ausnahmen von dieser Regel, siehe Kinetik II.

Xenobiotika
Englisch: xenobiotics
Xenobiotika sind chemische Stoffe, die normalerweise in Lebewesen nicht vorkommen. Die meisten Arzneimittel sind Xenobiotika; weitere Beispiele umfassen natürliche und synthetische Substanzen wie bestimmte Nahrungsbestandteile ohne nutritiven Wert sowie Umweltgifte verschiedener Art. Nicht-medikamentöse Xenobiotika verhalten sich in ihrer Kinetik zum Teil sehr ähnlich wie Arzneimittel.


Weitere Glossare und Kurse zu pharmakokinetischen Begriffen

  1. Ruppanner H, Buclin T. Glossar der klinischen Pharmakologie in: Biollaz J et al. (ed.): Grundlagen der Arzneimitteltherapie. 1996; Basel: Documed: 213-23
  2. Bourne D et al. A First Course in Pharmacokinetics and Biopharmaceutics.
  3. Glaxo Wellcome Drug Metabolism Guide.
  4. Walsh CT. Programmed Problem Set on Pharmacokinetics.


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