Oktober 1998 *R*
Hulley S, Grady D, Bush T et al. Randomized trial of estrogen plus
progestin for secondary prevention of coronary heart disease in postmenopausal
women. JAMA 1998 (19. August); 280: 605-13 [Medline]
Hormone nach Herzinfarkt nutzlos
Studienziele
In Kohorten- und Fall-Kontroll-Studien wurde bei Frauen, die nach der
Menopause Östrogene einnahmen, eine reduzierte Inzidenz koronarer
Erkrankungen beobachtet. In der vorliegenden Studie wurde erstmals im Doppelblindverfahren
prospektiv geprüft, wie sich eine Hormonsubstitution als Sekundärprävention
bei Frauen mit koronarer Herzkrankheit auswirkt.
Methoden
2763 Frauen mit klinisch oder angiographisch eindeutiger koronarer Herzkrankheit
nach der Menopause wurden in die Studie aufgenommen. Die Probandinnen wurden
in zwei gleich grosse Gruppen aufgeteilt und aktiv oder mit Placebo behandelt.
Aktiv Behandelte erhielten täglich 0,625 mg konjugierte Östrogene
und 2,5 mg Medroxyprogesteronacetat in einer Tablette (Premella® ST
2,5 mg). Primäre Endpunkte der Studie waren nicht-tödliche Herzinfarkte
und koronar bedingte Todesfälle. Sekundäre Endpunkte umfassten
u.a. weitere kardiovaskuläre Ereignisse und die Gesamtmortalität.
Ergebnisse
Der Verlauf konnte durchschnittlich während etwa 4 Jahren beobachtet
werden. Nach 3 Jahren nahmen noch 75% der Frauen in der aktiv behandelten
Gruppe und 81% in der Placebogruppe ihre Tabletten nach Vorschrift. In
bezug auf die definierten primären und sekundären Endpunkte ergaben
sich zwischen der Hormon- und der Placebogruppe keine signifikanten Unterschiede.
In der Hormongruppe traten 172 koronare Ereignisse (71 Todesfälle)
auf, in der Placebogruppe waren es 176 (58 Todesfälle). Im ersten
Jahr der Behandlung traten bei hormonbehandelten Frauen mehr Infarkte auf
als in der Placebogruppe, später nicht mehr. Insgesamt starben in
der Hormongruppe 131 Frauen, in der Placebogruppe 123. Signifikant waren
die Auswirkungen auf die Lipide: Nach einem Jahr Hormonbehandlung hatten
die Frauen durchschnittlich um 14% gesenkte LDL-Cholesterinwerte (Placebogruppe:
–3%) und um 8% höhere HDL-Werte (Placebogruppe: –2%). Thromboembolische
Ereignisse waren in der Hormongruppe signifikant häufiger (34 Thrombosen
und Lungenembolien, in der Placebogruppe nur 12). Auch Gallenblasenleiden
waren bei den hormonbehandelten Frauen häufiger.
Schlussfolgerungen
Eine kombinierte Hormonsubstitution mit konjugierten Östrogenen
und Medroxyprogesteron hatte in dieser Studie keinen Nutzen im Sinne einer
Sekundärprävention der koronaren Herzkrankheit. Die Hormonsubstitution
führte zu einer erhöhten Rate thromboembolischer Erkrankungen
und von Gallenblasenleiden. Grundsätzlich kann die geprüfte Therapie
bei Frauen mit koronarer Herzkrankheit nach der Menopause nicht empfohlen
werden. Frauen, die schon seit Jahren mit Hormonen behandelt werden, müssen
diese jedoch nicht notwendigerweise absetzen.
Obwohl uns verschiedene Interessengruppen den kardiovaskulären
Nutzen einer Hormonsubstitution nach der Menopause immer wieder glaubhaft
machen wollen, ist festzuhalten, dass die entsprechende Evidenz noch gar
nicht eingebracht ist. Die hier vorliegenden Resultate der sogenannten
HERS-Studie («Heart and Estrogen/Progestin Replacement Study»)
sprechen eine deutliche Sprache: Die hormonbehandelten Frauen hatten keinen
Nutzen der Behandlung. Ob dies mit dem verwendeten Gestagen (Medroxyprogesteron)
zu-sammenhängt, sollte weiter untersucht werden.
Etzel Gysling
Dokument R14 - © INFOMED 2002