| Leistenhernien sind so häufig,
dass allein in der Schweiz rund 20'000 Hernienoperationen
pro Jahr durchgeführt werden. Erstaunlicherweise
ist aber das Wissen um die Entstehung und deren Krankheitsverlauf
recht gering, wenn man den Massstab der Evidenzprüfung
ansetzt. Vermeintliche Tatsachen wie die Entstehung
einer Hernie bei Prostatahyperplasie (beruht auf Ko-Inzidenz
der beiden Krankeiten im fortgeschrittenen Alter) oder
die Risikoeinschätzung der Inkarzeration sind oft
nicht auf der Basis gut gemachter Studien mit entsprechendem
Evidenzniveau durchleuchtet worden.
Während bei symptomatischen Hernien der Gewinn
an Lebensqualität das Risiko einer Operation überwiegt,
sind die Folgen einer Operation bei Patienten, die durch
den Leistenbruch wenig gestört werden, nicht zu
unterschätzen. In erster Linie ist das Auftreten
von chronischen postoperativen Beschwerden (in bis zu
5 %) nach Hernienoperation gegen das Risiko von Komplikationen
einer unbehandelten Hernie (Inkarzeration, Ileus) abzuwägen.
Die Arbeit von Fitzgibbons et al. geht in methodologisch
einwandfreier Weise der Frage nach, ob oligosymptomatische,
gesunde Männer mit Leistenhernien innert eines
Zeithorizontes von 2 Jahren besser mit «watchful
waiting» oder mit elektiver chirurgischer Sanierung
bedient sind. Die Studienverantwortlichen finden, dass
hinsichtlich Schmerz und Einschränkungen im Alltag
ein initial abwartendes Verhalten gut vertretbar ist.
Insbesondere wurden zwei wesentliche Fragen beantwortet:
Erstens, dass das Risiko einer Inkarzeration resp. eines
Ileus sehr gering ist, und zweitens, dass eine Operation
wegen zunehmender Symptomatik keine vermehrte Morbidität
im Vergleich zur sofortigen Intervention birgt. Diese
zwei Punkte sind entscheidende Kriterien, auf welchen
eine Operationsindikation bei oligosymptomatischer Hernie
generell basiert.
Der Studienaufbau beruht auf einer «intention-to-treat»
Analyse, d.h. Patienten, die zu Beginn in eine Behandlungs-Gruppe
eingeteilt werden, bleiben für die Auswertung in
der Gruppe, auch wenn ein «cross-over» zu
der Behandlungsform der anderen Gruppe stattfand. Diese
Auswertung ist wichtig, da sie dem initialen Entscheidungsträger
(i.d.R. Hausarzt) erlaubt, einem Mann im mittleren Alter
in gutem Allgemeinzustand mit wenig symptomatischem
Leistenbruch eine abwartende Haltung zu empfehlen. Dennoch
sei vermerkt, dass rund 1/3 der «abwartenden»
Patienten v.a. wegen zunehmender Symptome innerhalb
von 4 Jahren doch noch operiert werden mussten. Diese
Patienten hatten offensichtlich schon anfänglich
stärkere Schmerzen und eine eingeschränkte
Alltagsaktivität. Wieso sie trotz klarer Symptome,
die eigentlich Ausschlusskriterien entsprechen, Eingang
in die Studie fanden, ist unklar. Bis auf diesen Kritikpunkt
ist diese Studie wegbereitend für weitere Arbeiten,
welche die Indikationsfrage auch bei einem breiteren
Kollektiv untersuchen.
Stephan Vorburger, Daniel Candinas
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