Asthma-Entwicklung bei Kindern mit Atopie

Ausführlicher Kommentar

Die Deutsche MAS-Studie ist weltweit die grösste epidemiologische Langzeitstudie an Kindern, in deren Rahmen der natürliche Krankheitsverlauf der Atopie im Kindesalter, die Bedeutung der frühkindlichen Allergenexposition gegenüber Innenraumallergenen, sowie der passiven Tabakrauchexposition für die Entwicklung der Atopie-Erkrankungen im Kindesalter und der bronchialen Hyperreagibilität untersucht werden. Es handelt sich um eine Kohorten-Studie bei gesunden Neugeborenen, welche im Jahre 1990 in fünf deutschen Städten rekrutiert wurden. Erfasst wurden gesamthaft 1'314 gesunde Neugeborene, davon 499 mit einem hohen Atopie-Risiko (Nabelschnur-IgE über 0,9 kU/l und atopische Erkrankungen bei mindestens zwei Familienmitgliedern) und 815 ohne Atopie-Risiko. Der Voraussagewert von Frühindikatoren (familiäre Prädisposition, genetische Marker, immunologische Marker, IgE-Sensibilisierung auf Nahrungsmittel und Inhalationsallergene, Allergen-Exposition) wurde bestimmt. Teilergebnisse nach verschiedener Studiendauer wurden in hoch renommierten Journals publiziert. Von den bis anhin veröffentlichten Ergebnissen seien summarisch folgende erwähnt: - Über 40% der zehnjährigen Kinder sind allergisch sensibilisiert. - Die Sensibilisierung nimmt bei Kindern mit zunehmenden Alte zur. Während nur 16,4 % der Einjährigen sensibilisiert waren, konnte bei 42,7 % der zehnjährigen Studienteilnehmenden eine Sensibilisierung nachgewiesen werden. - Die in der Studie untersuchten Kindern entwickelten mit jedem Jahr mehr Allergien. Bei Säuglingen und Kleinkindern sind Nahrungsmittel-Allergene, vor allem Kuhmilch und Hühnerei, die häufigsten Auslöser für eine Allergie. Mit zunehmendem Alter können Symptome an den Atemwegen folgen. 6 bis 8% der Kinder sind davon betroffen. In 4 bis 5% aller Fälle verschwindet eine frühe Nahrungsmittelallergie nach einigen Jahren wieder. Doch ein Risiko, später an Neurodermitis, Heuschnupfen oder Asthma zu erkranken, bleibt. Es wurde ferner festgestellt, dass Kinder, deren Mütter vor oder während der Schwangerschaft geraucht hatten, ein besonders hohes Risiko für eine Allergie auf Nahrungsmittel haben.

Die vorliegende Studie befasst sich mit dem Vorkommen von Asthma und der Verminderung der Lungenfunktion bei den nun dreizehn Jahre alt gewordenen Untersuchten. Das wichtigste Ergebnis: Kinder mit wiederholtem "Pfeifen" bzw. "asthmoider" Bronchitis während der ersten fünf Lebensjahre ohne atopische Sensibilisierung in dieser Zeit, d.h. Nicht-Atopiker, verlieren ihre Symptomatik während dem Schulalter und weisen im Pubertätsalter eine normale Lungenfunktion auf. Im Gegensatz dazu neigen atopische Kinder mit wiederholten "wheezy bronchitis" während der ersten fünf Lebensjahre, welche eine Sensibilisierung auf perenniale Inhalationsallergene (Hausstaubmilben, Katze- und Hundepithelien) bis zum Alter von 3 Jahren entwickelt hatten, zu einem persistierenden Asthma in der Pubertät mit bereits eingeschränkter Lungenfunktion, als Folge der chronischen allergischen Atemwegsentzündung. Je höher die Allergenexposition während den ersten drei Lebensjahren war, desto schwerer ist die Asthma- Symptomatik und die Verminderung der Lungenfunktionswerte. Somit ist einmal mehr eindeutig bestätigt worden, dass die Bemerkung "Das kindliche Asthma verwächst mit der Pubertät" nur für die Asthmaform ("spastische Bronchitis") zutrifft, welche vor allem durch Virusinfekte ausgelöst wird und zwar bei Nichtatopikern, während es bei Atopikern mit Sensibilisierung auf perenniale Inhalationsallergene (weniger auf Pollen) weiter persistiert, was nicht nur mit einer erhöhten bronchialen Hyperreaktivität, sondern auch mit Einschränkung der Lungenfunktionswerte einhergeht. Daraus ergibt sich die Notwendigkeit, bei jedem "wheezing"-Kind frühzeitig, d.h. vor dem 3 Lebensjahr, und allenfalls wiederholt, eine allergologische Abklärung einzuleiten, und dies nicht nur aus prognostischen, sondern auch aus therapeutischen Gründen. Nebst allfälligen Eliminationsmassnahmen (Entfernung von eventuell vorhandenen Hausstieren, Rauchabstinenz im Elternhaus) und einer regelmässigen antientzündlichen und antiobstruktiven Inhalationstherapie mit Kortikosteroiden und Betamimetika sollte beim atopischen Kindesasthma die Indikation einer spezifischen Immuntherapie, sei es subkutan oder sublingual, frühzeitig gestellt werden, da nur die spezifische Immuntherapie in der Lage ist, den Längsverlauf der atopischen Krankheit zu beeinflussen.

Brunello Wüthrich


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