| Ausführlicher Kommentar
Dass der Wunsch, hausärztlich tätig zu werden
schon im Studium nicht besonders ausgeprägt ist,
ist wahrscheinlich jedem geläufig, der in den allgemeinmedizinischen
Unterricht eingebunden ist - in der deutschsprachigen
Schweiz ebenso wie in Deutschland oder Österreich.
Die weitere Abnahme dieses Wunsches vom Ende des Studiums
bis zum dritten Weiterbildungsjahr kann die schlechte
Stimmung des Betrachters dann auch nicht mehr wesentlich
drücken. Dass es aber noch schlimmer gehen kann,
zeigt das Beispiel Frankreich, wo über den Weg
entsprechender Examensstrukturen nur diejenigen Kollegen
Hausärztinnen und Hausärzte werden, "die
nichts besseres (sprich Spezialist) erreichen konnten".
Meine persönlichen Erfahrungen lassen mich vermuten,
dass hier ein komplexes Bedingungsgeflecht wirksam ist,
in dem die beschriebenen Persönlichkeitsmerkmale
oder die verminderte Karriereorientierung der späteren
Hausärzte nur eine beschränkte Rolle spielen
dürften. Um diesen "gordischen Knoten"
zu entflechten (das Wort "zerschlagen" würde
mir vielleicht als Gewaltbereitschaft ausgelegt werden....),
müsste man an vielen Stellen ansetzen. Die nachfolgend
aufgelisteten zum guten Teil wissenschaftlich belegten
Forderungen (die in der Vergangenheit schon öfter
geäußert wurden und keineswegs nur auf meine
Person zurückgehen) fallen allerdings nicht alleine
in den Aufgabenbereich der Fakultäten.
1. Der universitäre Unterricht in Hausarztmedizin
müsste nicht nur deutlich ausgeweitet werden, sondern
m.E. auch in den Strukturplänen tonangebend sein.
Wer die noch darüber hinaus gehenden Argumente
näher kennen lernen möchte, lese nochmals
den Kommentar des Herausgebers dieser Zeitschrift, Etzel
Gysling in der pharma-krritik 20/2004 ("Zeit für
eine neue Fakultät").
2. Was könnte die Fakultäten zu diesem Schritt
bewegen? Ein Blick in die Niederlande oder nach Großbritannien
zeigt, dass Wegbereiter für die Fakultätsstrukturen
die tragende Rolle der Hausarztmedizin im Gesundheitswesen
war (den entsprechenden politischen Druck in diese Richtung
will ich hier nicht ansprechen).
Vielleicht könnte es aber auch noch eine Rolle
spielen, dass den Universitätskliniken inzwischen
die Patienten für den Unterricht am Krankenbett
ausgehen (den Hausarztpraxen aber nicht) und dass ihnen
- in Konkurrenz zu anderen Krankenhäusern - immer
mehr daran gelegen ist, die Beziehungen zu ihren Zuweisern
zu verbessern.
3. Die Haltung einer Fakultät hat natürlich
auch etwas mit ihrem Bild eines Hochschullehrers zu
tun, der an erster Stelle durch seine forscherischen
Aktivitäten geprägt ist (bis vor kurzem spielte
die Qualität der Lehre nur eine untergeordnete
Rolle - was sich in Deutschland mit der Einführung
der novellierten Approbationsordnung merklich geändert
hat).
Sieht man von (zahlenmäßig inzwischen ganz
passablen) Ausnahmen ab, ist die universitäre Allgemeinmedizin
von einer prominenten Forschungsaktivität aber
noch ein Stück entfernt. Das ließe sich ändern,
wenn dem Fach eine arbeitsfähige Institutionalisierung
zugestanden würde, in der es eine zeitliche limitierte
Aufgabenteilung gäbe (Lehre durch Hausärztinnen
und Hausärzte; kooperative Forschungsanleitung
durch methodisch versierte Sozialwissenschaftler/ Psychologen/
Biometriker). Kurz- bis mittelfristig würde aus
einer solchen Konstellation eine Anzahl von habilitierten
Hausärzten hervorgehen, die zur Leitung einer Abteilung
mit vollem Personal-/Budget- bzw. Dissertationsrecht
befähigt wären. Im übrigen lehrt ein
Blick auf die Niederlande oder die skandinavischen Länder,
dass die Habilitation - für alle Fächer -
vorteilhaft durch ein PhD-Verfahren mit niederschwelligem
Einstieg ersetzt werden könnte. Das würde
im übrigen vielleicht auch den zunehmenden Mangel
an wissenschaftlich motiviertem Personal an unseren
Fakultäten vermindern.
4. Als weitere Option könnten die Fakultäten
überlegen, ob man sich nicht vom Idealbild der
eierlegenden Wollmilchsau entfernen sollte: Die Vereinigung
eines blendenden Wissenschaftlers, charismatischen Hochschullehrers
und begnadet empathischen Arztes in einer Person war
wohl schon immer ein Wunschtraum (und hat wenig mit
der Wirklichkeit an unseren Hochschulen zu tun). Warum
werden wie in den USA nicht auch bei uns verschiedene
Schwerpunkte wie teaching track, research track und
clinical track geschaffen, die es erlauben würden,
befähigte Personen zu berufen, deren Stärke
nur in einem dieser Bereiche läge? Bei der Qualität
der Lehre und in der Ausprägung ärztlicher
Persönlichkeit hätten Vertreter der Hausarztmedizin
schon heute beste Chancen auf eine Berufung.
5. Der Weiterbildungsgang in Hausarztmedizin müsste
attraktiver und von zwei wesentlichen Aspekten geprägt
werden: 1. Von einer einheitlichen Qualifikation, der
Allgemeinärzte und Allgemeininternisten zusammenschließt.
2. Von einer curriculären Weiterbildungsstruktur,
die sicherstellt, dass alle jungen Kolleginnen und Kollegen
einen vordefinierten Weiterbildungsplan mit fest vereinbartem
Fächercanon absolvieren können. Sie wüssten
dann schon am ersten Tag der Weiterbildung, wo sie am
letzten Tag sein werden. Dabei versteht es sich von
alleine, dass - analog der spezialistischen Weiterbildung
im Krankenhaus - sowohl Weiterbildungsassistenten als
auch (hausärztliche) Weiterbilder angemessen bezahlt
werden müssen.
6. Mit der Erfüllung dieser Forderungen wäre
aber der "mentale Part" des Paktes noch keineswegs
bewältigt - das "Image" der Allgemeinmedizin,
die Anerkennung der anspruchsvollen und schwierigen
Tätigkeit von Hausärzten durch universitäre
Spezialisten.
Ich spreche hier nicht von allen Spezialisten. Ich
meine spezialistische Kolleginnen und Kollegen, die
kaum jemals einen Fuß über die Schwelle einer
hausärztlichen Praxis gesetzt haben (während
alle Hausärzte einen guten Teil ihrer Weiterbildung
in Krankenhäusern absolviert haben); die nur selten
wissen, unter welchen Bedingungen Hausärzte welche
Patienten mit welchen Beschwerden versorgen müssen;
und die das Bayes´sche Theorem oft nur aus Lehrbüchern
kennen.
Warum nähern wir uns nicht dem Konzept einer Pflichtzeit
im hausärztlichen Versorgungsbereich am Anfang
oder während der Weiterbildung (z.B. wie in Skandinavien
6 Monate lang). Danach dürfte es manchem Kollegen
durchaus schwer fallen, sowohl im eigenen Denken als
auch den Studierenden gegenüber die Reputation
der Allgemeinmedizin im Unterricht so despektierlich
darzustellen, wie es heute an manchen Stellen immer
noch geschieht. Unnötig zu sagen, dass die Frage
von Arbeitsqualität und möglichen Defiziten
in den Bereichen Hausarzt- und Spezialistenmedizin wissenschaftlich
längst geklärt ist - sie kommen in beiden
Bereichen gleich häufig vor.
Um Missverständnissen vorzubeugen: Hier geht es
nicht um die Frontstellung Hausarzt versus Spezialist.
Wir brauchen selbstverständlich gut ausgebildete
und zielgerichtet arbeitende Spezialisten: - Spezialisten,
die froh sind, wenn Ihnen Hausärzte ihre eigentliche
Arbeit erleichtern und Patienten "vom Leibe halten",
die keines Spezialisten bedürfen. - Spezialisten,
die nicht aus ökonomischen Gründen versuchen,
quasi nebenher noch hausärztliche Patienten zu
akquirieren, obwohl ihnen entsprechende Weiterbildung
und Erfahrung fehlen (bei Hausärzten vice versa).
- Spezialisten, die wegen fachlich enger Weiterbildung
nicht glauben, dass sie die besseren Hausärzte
wären.
6. Last but not least das liebe Geld. Ohne adäquate
Bezahlung für eine herausfordernde und zeitlich
oft über das "normale" Maß hinausgehende
Tätigkeit wird es kaum gelingen, Studierende und
jüngere Weiterbildungsassistenten von den Vorzügen
der Hausarztmedizin zu überzeugen. Welche Hebel
in Politik und Selbstverwaltung hier in Bewegung zu
setzen sind, dürfte sich in der Schweiz und in
Deutschland nicht wesentlich unterscheiden. Trotz der
Tatsache, dass die Finanzen heute knapper denn je sind,
werden die immer schon genannten "Argumente",
eine Teilung des Kuchens sei "gerade jetzt"
nicht möglich, nicht eben glaubwürdiger.
Die Folgen eines solchermaßen skizzierten Szenarios
wären absehbar: - Die Stellung der Allgemeinmedizin
an den Hochschulen würde gestärkt; - mehr
Studierende entschieden sind für ein inhaltlich
spannendes und finanziell attraktives Fach; - der Mangel
an Hausärzten besonders auf dem Lande würde
sukzessive abgebaut; - die Kooperation der Ärzteschaft
untereinander würde gefördert; - die Bevölkerung,
die schon längst mit den Füßen für
ihre Hausärzte abgestimmt hat, kann weiterhin mit
hoher Qualität und zu angemessenen Kosten vor Ort
versorgt werden.
Die Realisierung von Vernunft sollte keine Aufgabe
der fernen Zukunft, sondern vielmehr das Gebot der Stunde
sein - für alle Beteiligten.
Michael M. Kochen
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