| Es hat fast 20 Jahre seit der
Einführung von Erythropoietin (EPO) in die Therapie
der renalen Anämie gedauert (1989), bis klar geworden
ist, dass ein durch exogen zugeführtes EPO erzielter
Normalwert des Hämoglobins (Hb über 13 g/dl)
die kardiovaskuläre Mortalität erhöht.
Aufgrund einzelner Beobachtungsstudien und der daraus
abgeleiteten «Logik», dass ein hohes Hämoglobin
besser sei als ein tiefes und zudem die Lebensqualität
fördere, betrachtete es die nephrologische Gemeinschaft
als risikofrei und als wünschenswert, die renale
Anämie voll zu korrigieren. Auch die US-Guidelines
(K-DOQI) empfahlen bisher hohe Zielspiegel. Nun haben
3 grosse prospektive Studien gezeigt (vorliegende Metaanalyse,
2 Studien im «New England Journal of Medicine»),1,2
dass die 20-jährige Annahme der Harmlosigkeit der
EPO-Substitution falsch war, und damit eine Trendwende
in der Therapie bewirkt.
Die Analyse von 9 randomisierten prospektiven Studien
mit über 5‘000 Personen ergab bei den Gruppen
mit hohem Hb-Zielspiegel folgende Resultate: die Sterblichkeit
bei Berücksichtigung aller Todesursachen ist um
17% höher, das Risiko eines unkontrolliert erhöhten
Blutdrucks ist um 27% vermehrt und auch das Risiko für
Thrombosierung des arteriovenösen Gefässzugangs
wird um 34% gesteigert. Von 100 Kranken, welche nach
Zufallsprinzip auf ein höheres Ziel-Hb hin therapiert
werden, haben 12 mit einem kardiovaskulären Ereignis
mehr zu rechnen, als wenn das Ziel-Hb tiefer ist (11,3
g/dl). Die neue Evidenz ist demzufolge klar. Erstaunlich
ist lediglich das Nicht-wahr-haben-wollen dieser Fakten.
Nun müssten weitere noch laufende Studien mit hohen
Hämoglobinzielwerten aus ethischen Gründen
gestoppt werden, wie ein Cochrane-Kommentar zur vorliegenden
Meta-Analyse vermerkt.3 Warum dies nicht geschieht,
ist rätselhaft und allenfalls als Folge mangelnder
Transparenz und Unabhängigkeit bei der Kooperation
von Studienleitern und EPO-Produzenten zu erklären.
Für die praktizierenden Nephrologen hätte
fortan zu gelten, dass ein Hb-Wert von 12,5 g/dl bei
Personen mit chronischer Niereninsuffizienz im Stadium
IV und V (glomeruläre Filtrationsrate unter 30
ml/min) nicht überschritten werden sollte. Das
Prinzip «less is more» hat sich am Beispiel
der EPO-Substitution nach vielen Jahren der Unsicherheit
bestätigt. Über die Ursachen des «schädlichen
normalen Hb-Spiegels» bei Niereninsuffizienz ist
vorläufig nichts Gesichertes bekannt.
Hans Jakob Gloor
1 Singh AK, Szczech L, Tang KL et al. Correction of
anemia with epoetin alfa in chronic kidney disease.
N Engl J Med. 2006 (16. November); 355: 2085-98 [Medline]
2 Drueke TB, Locatelli F, Clyne N et al.; CREATE Investigators.
Normalization of hemoglobin level in patients with chronic
kidney disease and anemia. N Engl J Med. 2006 (16. November);
355: 2071-84 [Medline]
3 Strippoli GF, Tognoni G, Navaneethan SD et al. Haemoglobin
targets: we were wrong, time to move on. Lancet 2007
(3. Februar);369:346-50 [Medline]
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