| März/April 2008
r Tyrer P, Oliver-Africano PC, Ahmed Z et al. Risperidone,
haloperidol, and place-bo in the treatment of aggressive challenging
behaviour in patients with intellectual disability: a randomised
controlled trial. Lancet 2008 (5. Januar); 371: 57-63 [Medline]
Neuroleptika ungeeignet für Behandlung
aggressiven Verhaltens
Studienziele
Agressives Verhalten bei geistig Behinderten wird häufig
mit Neuroleptika behandelt. Gemäss Studien in angelsächsischen
und skandinavischen Ländern werden etwa 20% der Erwach-senen
mit Intelligenzminderung im ambulanten und bis zu 45% im stationären
Bereich mit antipsychotischen Substanzen behandelt, obwohl
nur bei einer Minderheit von ihnen eine psychiatrische Störung
im engeren Sinn besteht. Die Evidenz für einen Nutzen
ist schlecht. Die Studienverantwortlichen untersuchten den
Nutzen von Neuroleptika bei Erwachsenen mit Intelligenzminderung
und aggressivem Verhalten.
Methoden
In die doppelblind geführte Studie wurden 86 Erwachsene
mit Intelligenzminderung (IQ unter 75) mit auffälligem
aggressiven Verhalten aufgenommen. Ausgeschlossen wurden Personen
mit einer bekannten Psychose. Behandelt wurden sie nach dem
Zufall mit Haloperidol (Haldol®; 1,25 bis 5 mg täglich),
Risperidon (Risperdal®; 0,5 bis 2 mg täglich) oder
Placebo. Primärer Endpunkt war eine Veränderung
des aggressiven Verhaltens nach 4 Wochen Behandlung gemäss
einer Aggressions-Skala («modified overt aggression
scale», MOAS).
Ergebnisse
Das aggressive Verhalten nahm in allen Gruppen innerhalb von
4 Wochen etwa gleich stark ab, am stärksten jedoch in
der Placebogruppe (MOAS –79% gegenüber –58%
unter Haloperidol und –65% unter Risperidon). Signifikante
Unterschiede zwischen den 3 Gruppen fanden sich auch nicht
im weiteren Verlauf und auch nicht bezüglich anderer
Studienendpunkte wie Lebensqualität, unerwünschter
Wirkungen der Behandlung oder Beurteilung durch Betreuende.
Unter Haloperidol traten ein epileptischer Anfall (bei bekannter
Epilepsie) und eine vermutete anaphylaktische Reaktion mit
Atemproblemen auf.
Schlussfolgerungen
Gemäss dieser randomisierten Studie stellen Neuroleptika
keine akzeptable Medikation zur routinemässigen Behandlung
ausschliesslich aggressiver Verhaltensstörungen bei geistig
Behinderten dar. Der Studie mit nur 86 Patienten wird eine
verminderte Aussagekraft eingeräumt. Frühere Studien
weisen jedoch ähnliche Ergebnisse auf und werden somit
bestätigt.
Zusammengefasst von Thomas Rumetsch
Die Kernkompetenz der Neuroleptika bezieht sich auf
die Behandlung psychotischer Symptome im engeren Sinn, weshalb
der Indikationsbereich nicht beliebig erweitert werden soll,
auch nicht auf – zudem noch heterogen definierte –
«Verhaltensstörungen» Dementer oder geistig
Behinderter. Die vorliegende Studie belegt dies einmal mehr
und bestätigt das Ergebnis einer Cochrane-Review, welche
ebenfalls keine Wirkungsunterschiede zwischen Neuroleptika
und Placebo nachweisen konnte.1 Eine andere, wenn auch sehr
kleine Cochrane-Review macht demgegenüber auf –
allerdings bescheidene – Effekte verhaltensbezogener
Interventionen aufmerksam.2 Benzodiazepine wären –
vor allem auch in Krisen – eine weitere Behandlungsalternative.
Der frühzeitige oder längerfristigere Einsatz von
Neuroleptika bei «Verhaltensstörungen» geistig
Behinderter ist demnach definitiv fragwürdig bzw. entspricht
keiner Evidenz-basierten Praxis.
Peter Zingg-Müller
1
Brylewski J, Duggan L. Antipsychotic medication for challenging
behaviour in people with learning disability. Cochrane Database
Syst Rev. 2004; (3): CD000377
2
Hassiotis A, Hall I. Behavioural and cognitive-behavioural
interventions for outwardly-directed aggressive behaviour
in people with learning disabilities. Coch-rane Database Syst
Rev. 2004 Oct 18; (4): CD003406
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