Ein Wunschzettel
- Autor(en): Etzel Gysling
- pharma-kritik-Jahrgang 11
, Nummer 24, PK602
Redaktionsschluss: 28. Dezember 1989 - PDF-Download der Printversion dieser pharma-kritik Nummer
ceterum censeo
Von den ersten Entwicklungsetappen bis zur Markteinführung legt ein Medikament bekanntlich einen langen Weg zurück. Für den weitaus grössten Teil dieses Weges liegen Verantwortung und Verdienst bei der Industrie. Wer sich mit Vor- und Nachteilen von Medikamenten befasst, muss sich deshalb mit den verschiedensten Aktivitäten der pharmazeutischen Industrie ausienandersetzen. Dies gilt auch für pharma-kritik. Dabei lässt es sich nicht vermeiden, dass uns gewisse Mängel besonders stören, während anderseits positive Aspekte «selbstverständlicher» sind und weniger auffallen. Viele der Mängel, die wir beobachten, liessen sich aber beheben. Ich habe daher hier einmal einen kleinen Wunschzettel zuhanden der Industrie zusammengestellt.
Besonders wichtig erscheinen mir einige Postulate, die sich auf die klinischen Studien beziehen. Hier wäre in erster Linie mehr Transparenz erwünscht. Natürlich ist mir bewusst, dass klinische Studien -- da von der Industrie finanziert -- gewissermassen privates Eigentum der Sponsor- Firma darstellen. Von dem Augenblick an jedoch, da ein Medikament ärztlich verordnet und in der Apotheke beschafft werden kann, wird es zu einem Allgemeingut. Oft werden leider auch dann noch Studienresultate, die mit diesem Medikament gewonnen wurden, als vertrauliche, firmeninterne Dokumente behandelt. Viele Studien, die nicht «wunschgemäss» verlaufen sind, werden gar nicht publiziert. Dies führt zu einem verfälschten, «geschönten» Bild des neuen Medikamentes. Es wäre aber wichtig zu wissen, wieviele Studien ein negatives oder nicht-signifikantes Resultat ergeben haben oder auch, weshalb einzelne Studien nicht zu Ende geführt worden sind usw. Klinische Studien sollten konsequent fortlaufend numeriert werden. Bei der Einführung eines Medikamentes könnten die Resultate aller Studien in tabellarischen Übersichten dargestellt werden, wobei die Studiennummern als Kontrolle der Vollständigkeit dienen würden. Die Zeiten, da die ärztliche Kunst auf geheimnisvollen Wunderdrogen beruhte, sind längst vorüber. Heute brauchen wir die ganze Information über die Substanzen, die unsere Patienten einnehmen sollen.
Im Zusammenhang mit den Veröffentlichungen über klinische Studien wäre auch mehr Sorgfalt gefragt. Dass auch heute noch viele Studien mehrfach publiziert werden (z.B. in verschiedenen «Supplementa» auch angesehener Zeitschriften), ist skandalös. Oft ist es schwierig, aus einem Text herauszulesen, dass es sich z.B. um einen Bericht über ein Teil einer Studie handelt, die an anderer Stelle als Ganzes rapportiert wird. Klinische Studien sollten in allen Publikationen mit der vorgeschlagenen seriellen Nummer identifiziert werden. So wäre wenigstens gesichert, dass sich Studien von publikationswütigen Autoren oder Firmen nicht «von selbst» vermehren.
Nach wie vor lässt auch der Werbestil der Industrie zu wünschen übrig. Allgemein sollte ein zurückhaltenderer Einsatz der Werbemittel angestrebt werden. Ist es wirklich notwendig, dass wir Ärzte mit Glanzpapierheften über ferne Länder «bedient» werden, wobei diese Hefte ihre Existenz lediglich der grosszügig eingestreuten Pharmawerbung verdanken? Brauchen wir tatsächlich so viele Ärztebesucher? Wäre es nicht endlich möglich, Pharma- Inserate mit einem aussagekräftigen Minimum an Verschreibungsinformation zu versehen? Ist es denn undenkbar, dass die Industrie internationale Standards ihrer an Arzt und Apotheker gerichteten Information entwickelt? (Immer noch erhalten z.B. amerikanische Ärzte wesentlich präzisere Angaben zu unerwünschten Wirkungen als wir Schweizer.) Zu all diesen Fragen gehört eine andere, zentrale Frage: Ist die Industrie willens und fähig, firmenzentrierte Information und Werbung den Interessen des kranken Menschen unterzuordnen?
Daneben hätte ich noch ein paar Wünsche, die einzelne Medikamente oder bestimmte Arzneimittelformen betreffen. Vermehrt sollten wir hier von internationalen Erfahrungen profitieren können. Liest man z.B. amerikanische Fachliteratur, so gewinnt man nicht selten den Eindruck, es fehlten uns nützliche Arzneimittelformen. So ist es in den USA möglich, ein völlig zuckerfreies Plantago-Präparat (Metamucil®), hochdosierte Nifedipin-Retardtabletten (bis zu 90 mg/Tablette) oder kleine (leicht zu schluckende) Ibuprofen-Tabletten zu verschreiben. Besonders irritiert hat es mich, dass die neue Klasse von Cholesterinsenkern, die HMG-CoA-Reduktasehemmer, in der Schweiz verzögert eingeführt worden sind. Ist es nicht eigenartig, dass neue Medikamente, die andernorts angeblich «einen Durchbruch in der Therapie schwerer Hypercholesterinämien » darstellen, den Schweizer Patienten während mehreren Jahren vorenthalten geblieben sind?
Das weltweit am häufigsten verschriebene Präparat dieser Gruppe (Lovastatin) ist in der Schweiz bis auf weiteres nicht erhältlich; stattdessen ist diese Medikamentengruppe neuestens durch eine nahe verwandte Substanz (Simvastatin = Zocor®) auch in der Schweiz vertreten. Die Verzögerung beruht offenbar auf patentrechtlichen (lies: finanziellen) Gründen. Der Sachverhalt lässt zwei Interpretationen zu: entweder bringt das Medikament gar nicht so viel oder man hat die Schweizer Patienten als «quantité négligeable» betrachtet.
Ich weiss, dass mein Wunschzettel keine unmittelbaren Folgen haben wird. Anderseits bin ich davon überzeugt, dass Mängel und Missstände nur dann behoben werden, wenn solche Probleme immer wieder aufgegriffen und publik gemacht werden.
Etzel Gysling
Sachverzeichnis zum Jahrgang 11
| ACE-Hemmer, Anurie beim Neugeborenen 74 Aceclidin 19 Acetylsalicylsäure 11, 36, 42, 61 Adrenalin 18 Adriamycin 16 Aggressivität bei Kindern 83 Alimemazin 3 Aloe 67 Aloxiprin 61 Alprazolam 7 Alteplase 35 Alternativmedizin 59, 71 Aminoglutethimid 15 Aminoglykoside, Augentropfen 19 Aminopenicilline 9, 26 Amitriptylin 83 Amoxicillin 22, 26 Amoxicillin/Clavulansäure 9, 26 Amphetamin 82 Amphotericin B 70 Ampicillin 26 Ampicillin/Sulbactam 9 Anämie, Eisenmangel 50 Angina pectoris, Celiprolol 87 Angstzustände, Buspiron 7 Anistreplase 35 Antazida 65 Anthrachinone 67 Antiarrhythmika, Rhythmusstörungen 75 Antibiotika, Augentropfen 19 Antibiotika, Otitis media 26 Antibiotikaprophylaxe, perioperativ 10 Anticholinergika 65 Antidepressiva 44, 65, 81 Antiepileptika bei Tumorschmerzen 44 Antifibrinolytika 36 Antihistaminika 3, 26, 65, 77 Antihypertensiva 85, 87 Antimykotika 69, 79 Antitussiva 1 Anurie beim Neugeborenen, ACE-Hemmer 74 Anxiolytika 7 APSAC 34 Arthrosen, Etodolac 11 Ascorbinsäure, Eisentherapie 51 Astemizol 77 Asthma bronchiale, Nedocromil 57 Asthma-Todesfälle, Fenoterol 40 Atenolol 86, 87 Atropin 19 Attacken, transitorische ischämische 62 Augentropfen, systemische Wirkungen 17 Auswahlkriterien, klinische Studien 54 Beclometason 58 Benproperin 4 Benzodiazepine 7 Benzonatat 4 Bernsteinsäure, Eisentherapie 51 Betablocker 87 Betablocker, Augentropfen 17 Betalaktamasehemmer 9 Betaxolol 18 Beurteilungskriterien, klinische Studien 54 Bisacodyl 67 Bromhexin 28 Brompton-Mischung 43 Buprenorphin 43 Buspiron 7 Butamirat 3 Candidamykosen, Fluconazol 69 Captopril 74 Carbachol 19 Carbocistein 28 Carotin 29 Carteolol 18 Cefaclor 26 Cefoxitin 10 Cefradin 22 Celiprolol 87 Cephalosporine, Otitis media 26 Cetirizin 77 Chemotherapie, Mammakarzinom 14 Chlorambucil 16 Chloramphenicol 10, 19 Cholinesterasehemmer 19 Ciclosporin 70 Cimetidin 5, 31 Cisaprid 31, 67 Clavulansäure 9 Clindamycin 10 Clobutinol 3 Clomipramin 84 Clonidin 65 Codein 2, 42 Cotrimoxazol 27 Cromoglicinsäure 57 Cryptococcosis, Fluconazol 70 Cumarinderivate 70 Cyclopentolat 19 Cyclophosphamid 14 Depressionen bei Kindern 81 Dermatitis, seborrhoische; Ketoconazol 79 Desipramin 81 Desmopressin 82 Dextromethorphan 3 Dextropropoxyphen 42 Diazepam 7 Diazepam, Interaktion mit Omeprazol 6 Diclofenac 12 Dihydrocodein 3 Diltiazem 85 Diphenylmethane 67 Dipivefrin 19 Domperidon 31 Doxorubicin 16 Doxycyclin 22 Duodenalulzera, Omeprazol 6 Dyspepsie, Cisaprid 31 Ecothiopatiodid 19 Eisenmangel 49 Eisenpräparate 51, 65 Eisentherapie, orale und parenterale 51 Embryopathie, Etretinat 38 Enalapril, Anurie beim Neugeborenen 74 Encainid 75 Entzündungshemmer 11, 42 Enuresis 82 Epinephrin 18 Erythromycin 21 Erythromycin/Sulfafurazol 27 Etodolac 11 Etretinat 29 Etretinat; Embryopathie, Verkalkungen 38 Fasermittel 65 Faulbaumrinde 67 Felodipin 85 Fenoterol, Asthma-Todesfälle 40 Ferritin 49 Flecainid, kardiale Mortalität 75 Flohsamen 66 Fluconazol 69 Flucytosin 70 Fluorouracil 14 Fragen und Antworten zu Nr. 1-11 45 Fragen und Antworten zu Nr. 13-22 89 Fünf-Jahres-Index auf Computer-Diskette 12 |
Gastrinspiegel, Omeprazol 6 Gentamicin 10 Gestagene, Mammakarzinom 16 Gewebsplasminogenaktivator 35 Glaukomtherapie, Augentropfen 17 Glycerinsuppositorien 68 H1-Blocker 3, 26, 65, 77 H2-Blocker 5 Haloperidol 83 Hautinfekte, Roxithromycin 22 Heilmethoden, alternative 71 Heilpflanzen, Leberschäden 39 Heparin 36 Heparin, Thrombozytopenhie 76 Herzinfarkt, Acetylsalicylsäure 63 Herzkrankheit, koronare; Celiprolol 87 Heuschnupfen, Cetirizin 77 Hirnschlag, Acetylsalicylsäure 62 Homatropin 19 Hormontherapie, Mammakarzinom 14 Huflattich 39 Hustenmittel 1 Hydrochlorothiazid 70 Hydrocodon 3 Hydrocortison 79 Hydroxyzin 77 Hyperkinese, kindliche 82 Imidazolderivate 69, 79 Imipramin 81 Indometacin 12 Industrie, pharmazeutische 93 Infekte, abdominale; Ampicillin/Sulbactam 10 info-pharma: eine neue Dienstleistung 72 Ionenaustauscherharze 65 Isotretinoin 29 Isradipin 85 Kalziumantagonisten 65, 85 Kammerflimmern, Flecainid 75 Karaya-Gummi 66 Kardioselektivität, Celiprolol 87 Ketoconazol 69 Ketoconazol bei Seborrhoe 79 Kleie 65 Klistiere 68 Konjunktivitis, allergische; Cetirizin 78 Kopfschuppen, Ketoconazol 79 Kortikosteroide, inhalative 58 Krebs, Schmerztherapie 41 Lactitol 66 Lactulose 66 Laxantien 65 Leberfibrose, Methotrexat 38 Lebervenenverschluss, Pyrrolizidine 39 Leinsamen 66 Lernschwierigkeiten bei Kindern 83 Levobunolol 18 Lithium 83 Lokalanästhetika bei Husten 4 Lorazepam 8 Luftwegsinfekte, Roxithromycin 22 Lymphknoten, axilläre; Mammakarzinom 14 Magenentleerungsstörungen, Cisaprid 32 Magensäuresekretion, Omeprazol 5 Magenulzera, Omeprazol 6 Magnesiumsalze 66 Makrolide 21 Malariamittel 73 Mammakarzinom, Therapie 13 Medroxyprogesteronacetat 16 Mefloquin, Psychose 73 Megestrolacetat 16 Meningitis, Ampicillin/Sulbactam 10 Metastasen, Mammakarzinom 15 Methadon 43 Methotrexat 14 Methotrexat, Toxizität 37 Methylphenidat 82 Metipranol 18 Metoclopramid 31 Metoprolol 87 Mittelohrentzündung 25 Mittelohrerguss 27 Mittelohrkatarrh, chronischer 27 Morclofon 4 Morphin 42 Mortalität, kardiale; Flecainid 75 Motilität, gastrointestinale; Cisaprid 31 Mukolytika, Otitis media 28 Multivitaminpräparate, Schwangerschaft 29 Mydriatika 18 Myokardinfarkt 33 Naproxen 11 Natriumpicosulfat 67 Natriumsulfat 66 Nedocromil 57 Neuroleptika 44, 65, 83 Nifedipin 85 Nitrendipin 85 Noceboeffekte 59 Noscapin 3 Obstipation 65 Ohrentropfen, Otitis media 26 Omeprazol 5 Omeprazol, Kommentar und Replik 23 Opioide 2, 42, 65 Originalarbeiten, klinische Studien 53 Otitis media 25 Ovarektomie, Mammakarzinom 15 Panzytopenie, Methotrexat 37 Paracetamol 42 Paraffinöl 67 Parasympatholytika, Augentropfen 19 Parasympathomimetika, Augentropfen 19 Parazentese, Otitis media 26 Pemolin 82 Penicillin V 10 Pentazocin 42 Pentoxyverin 4 Pethidin 43 pharma-kritik «elektronisch» 12 Phenolphthalein 67 Phenylephrin 18 Phenytoin 70 Pholcodin 3 Phytotherapeutika 60 Pilocarpin 19 Pipamperon 83 Piracetam 83 Placeboeffekte 59 Plantagopräparate 66 Plättchenhemmung, Acetylsalicylsäure 61 Pneumonien, Roxithromycin 22 Pneumonitis, Methotrexat 37 Polyarthritis, chronische; Etodolac 11 Präeklampsie, Acetylsalicylsäure 64 Prednison 16 Prenoxdiazin 4 Primärprophylaxe, Herzinfarkt 63 Prognose, Mammakarzinom 14 Propafenon 75 Propranolol 87 Protonenpumpenhemmer 5 Prourokinase 35 Psychopharmaka bei Kindern 81 Psychose, Mefloquin 73 Pyrithion-Zink 80 |
Quellmittel 65 Ranitidin 5, 31 Refluxösophagitis, Cisaprid 31 Refluxösophagitis, Omeprazol 6 Reperfusion, Herzinfarkt 33 Retinoide 29, 38 Retinol 29 Rhabarberwurzeln 67 Rhinitis, allergische; Cetirizin 77 Ricinusöl 67 Roxithromycin 21 Salpingitis, Ampicillin/Sulbactam 10 Schmerzen, postoperative; Etodolac 11 Schmerztherapie bei Tumorpatienten 41 Schulschwierigkeiten bei Kindern 83 Scopolamin 19 Sehnen- und Bänderverkalkungen, Etretinat 39 Sekundärprophylaxe, vaskuläre Ereignisse 62 Selektivität, vaskuläre; Isradipin 85 Selensulfid 80 Sennesblätter und -wurzeln 67 Soor, Fluconazol 69 Statistik, klinische Studien 55 Sterculiapräparate 66 Steroide, Augentropfen 19 Stimulantien 82 Streptokinase 34 Streptokokken-Pharyngitis, Roxithromycin 22 Studien, klinische 53, 93 Sulbactam 9 Sulfonylharnstoffe 70 Sultamicillin 9 Suppositorien, Laxantien 68 Sympathomimetika, Augentropfen 18 Sympathomimetika, Otitis media 26 Tamoxifen 14 Teratogenität, Vitamin A 30 Terfenadin 77 Therapie, adjuvante; Mammakarzinom 13 Therapie, rationale 59 Thrombolyse bei Herzinfarkt 33 Thrombozyten, Acetylsalicylsäure 61 Thrombozytopenie, Heparin 76 TIA 62 Tilidin 43 Timolol 17 TPA (Gewebsplasminogenaktivator) 35 Tramadol 42 Tränenflüssigkeit, Augentropfen 17 Transferrin 49 Trimethoprim/Sulfamethoxazol 27 Tropicamid 19 Ulkuskrankheit, Omeprazol 6, 23 Urogenitalinfekte, Roxithromycin 22 Urokinase 34 Urtikaria, Cetirizin 78 Vasodilatation, Isradipin 85 Verapamil 65, 85 Vincristin 16 Vitamin A und Schwangerschaft 29 Vitamin C, Eisentherapie 51 Wallwurz 39 Werbung 93 Wunschzettel 93 Zeitschriften, klinische Studien 53 Zipeprol 3 Zollinger-Ellison-Syndrom, Omeprazol 6 Zwangssyndrome bei Kindern 83 Zytostatika, Mammakarzinom 14 |
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